Hunger nach deutschen Waren
Wer in Shanghai oder Peking die Straßen entlang schlendert, wird schnell merken, dass die Neureichen Chinas bevorzugt Audi, Mercedes oder BMW fahren. Nach fast zehnjährigem beispiellosem Wachstum konsumiert die aufsteigende chinesische Mittelschicht europäische Waren wie nie zuvor. Dieses Phänomen hat auch die höchsten Kreise der Gesellschaft erreicht. Audis wurden zu einer Art „Status-Auto“ für kommunistische Beamte, die auf Komfort und Stil nicht verzichten möchten, aber für die ein BMW oder Mercedes ein Zuviel an Glamour bedeutete. Die vier Ringe ersetzen die roten Fahnen der im Heimatland produzierten Limousinen der Hongqi-Regierung aus Dengs und Maos Zeiten. Das neu gefundene Gefallen der Chinesen an deutschen Produkten hat sich für Deutschland in erneuerte Wirtschaftskraft übersetzt. Nachdem sie sich starke Positionen in Asien erarbeitet und von vorsichtigen Maßnahmen zur Kostensenkung profitiert haben, konzentrieren sich die deutschen Firmen nun auf die neue Kauflust im chinesischen Festland. Daimler, Audi und BMW streben dieses Jahr Rekordgewinne an. Alle gaben für das zweite Quartal spektakuläre Umsatzrenditen von mehr als 9% im Sektor der Luxusfahrzeuge an. Laut Daimler kommen 20 bis 30% des Verkaufswachstums aus China.

- Deutsche Autos? Her damit!
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Allerdings findet man in China eher Gefallen an Audi, BMW und Mercedes - und nicht an Oldtimern.
Aber die Chinesen kaufen nicht nur Autos. Im Bereich der Konsumgüter gelten Siemens und Bosch seit langer Zeit als Alternativen zu den Heimmarken wie Haier und Robam - die deutschen Marken zeichnen sich durch höhere Qualität und längere Haltbarkeit aus. Siemens hatte unlängst einen Auftragsüberhang von 89 Milliarden € zu verzeichnen, den höchsten in 163 Jahren Firmengeschichte. Der Anstieg der chinesischen Nachfrage wirkt sich auf der Angebotsseite positiv aus. Grammer, ein deutscher Zulieferer für Autositze und Armlehnen, konnte seinen Absatz im ersten Halbjahr 2010 um 30% auf ca. 445 Mio. € erhöhen. Anlässlich des Staatsbesuch von Kanzlerin Merkel übten noch im Juli 2010 Jürgen Habrecht von BASF und Peter Löscher von Siemens gegenüber dem Premierminister Wen Jiabao direkte Kritik am unfairen chinesischen Geschäftsgebaren. Durch das dynamische Wachstum auf beiden Seiten sind unschöne Episoden wie diese jedoch in Vergessenheit geraten.
Eine Geschichte voller Optimismus
Berlin hat das Potential des chinesischen Marktes schon immer geschätzt und war stets sehr darauf bedacht, die deutsch-chinesischen Beziehungen zu vertiefen. Die Shanghai Expo schloss ein dreijähriges Projekt ab, das erstmals im August 2007 von Kanzlerin Merkel und dem chinesischen Premier Wen angekündigt worden war. Das Ziel: die Verbindungen zwischen Deutschland und China zu festigen. Das Projekt mit dem Namen „Deutschland und China - Gemeinsam in Bewegung“ basiert auf 600 Veranstaltungen und Aktionen, die seit Herbst 2007 bis heute statt finden. Eingebunden sind dabei 130 Millionen Menschen in wichtigen Ballungszentren wie Nanjing und Guangzhou. Bei deutschen Firmen stieß das Projekt auf großes Interesse, allein Daimler wird in den nächsten Jahren etwa 3 Milliarden Euro in den Bau neuer Fabriken investieren - und hofft auf eine starke Erhöhung der Verkaufszahlen. Wenn die bisherige Leistung von BMW als Indikator für die Zukunft gewertet werden kann, dann sieht es für die deutschen Autobauer gut aus. So wuchs der Verkauf im Juli 2010 um 82%, das sind 13.852 verkaufte Fahrzeuge.
Das oft kritisierte deutsche Modell des Wachstums durch Export zahlt sich, zumindest im Moment, aus. Deutsche Medien und anderen Staaten berichteten in letzter Zeit wiederholt, Deutschland hole die EU im Alleingang aus der Krise. In dieser Behauptung steckt viel Wahres. Während Deutschland im zweiten Quartal beeindruckende Zahlen meldete, senkte die Bank of England ihre Wachstumsprognosen auf Grund der ungünstigen Kreditbedingungen und der Einsparungen durch die Regierung. Frankreich, Spanien und Portugal meldeten BIP-Wachstumsraten zwischen 0,2 bis 0,9 Prozent, wobei Spanien mit einer Arbeitslosenquote von rund 20% zu kämpfen hat. Deutschland, so scheint es, hat seinen Platz als Klassenbester in Europa verteidigt. Die Bundesrepublik guckt in Sachen Markterweiterung oft nach Osten. Man erinnere sich, dass Deutschland vor der Finanzkrise einen hohen Überschuss in der Leistungsbilanz hatte, da frei in andere Länder der Euro-Zone verkauft wurde - wodurch diese wiederum hohe Schulden anhäuften. Die Gemeinschaftswährung verschleierte Gefahren, die normalerweise durch eine Wechselkurskrise aufgedeckt worden wären. Als dann die Rezession kam, waren die Konsequenzen für Deutschland vergleichsweise drastisch. Die Nachfrage in der Euro-Zone, wo Wachstum auf den Ausgaben von Konsumenten basiert hatte, brach ein. Der Kollaps in Exporten und Investitionen senkte das deutsche BIP um 7%.
Wachsam sein?!
Sollte man die wachsenden Erwartungen, dass die deutsche Wirtschaft sich auf Chinas anhaltend konstantes Wachstum verlassen kann, mit Skepsis betrachten? Es gibt bereits einige Besorgnis erregende Indikatoren, die anzeigen, dass die Nachfrage in China zurück geht. Der Chinesische Verband der Automobilindustrie stellte fest, dass im Vergleich zu 2009 die Verkaufszahlen der Neuwagen von 19% im Juni auf 14% im Juli sanken. Die ersten Autohäuser auf dem Festland haben schon die Preise fallen lassen, um das Verkaufsvolumen beizubehalten. Aber es gibt noch andere Zeichen, die erste Risse an den Rändern des chinesischen Marktes andeuten. Peking griff bereits in die sich überhitzenden Entwicklungen am Immobilienmarkt ein, um so eine Spekulationsblase zu verhindern. Die Konflikte mit den Arbeitskräften in den küstennahen Fabriken im Frühjahr/Sommer 2010 fanden ebenfalls ein internationales Echo. Man stelle sich nur die Wirkung eines Bruchs des „sozialen Vertrags“ zwischen Peking und den Massen an Arbeitsmigranten vor, die das Rückgrat von Chinas Wirtschaftswachstum darstellen.
Die deutsche Wirtschaftsmaschine steht und fällt mit ihrer Exportindustrie und reagiert deshalb sehr empfindlich auf größere Veränderungen in den Handelsbeziehungen. Der industrielle Sektor sichert 30% der Arbeitsplätze und ist verantwortlich für 49% der Einnahmen. Was passiert, wenn sich die Nachfrage nach deutschen gefertigten Produkten auf den aufkommenden Märkten verlangsamt, liegt außerhalb der Vorstellungskraft. Wenn man bedenkt, dass sich der heimische Markt auf Grund der im Juni beschlossenen Sparmaßnahmen voraussichtlich nicht bewegen wird, erkennt man, dass Deutschland mehr denn je auf neue Märkte angewiesen ist.
Die Bilanz
Es gibt einige Schwachstellen in den deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen, die diese interkontinentale Symbiose beeinflussen könnten. Ein Problem, das sich am Horizont abzeichnet, ist der fortwährende Streit, ob China eine Marktwirtschaft ist – bekanntlich gibt es EU-Maßnahmen gegen 49 chinesische Produkte und Anti-Dumping-Verpflichtungen gegen das Festland. Für Peking sind diese Themen nicht nur wirtschaftlich relevant, sondern auch politisch. Peking sieht die fehlende Anerkennung Chinas als Marktwirtschaft als europäischen Protektionismus und erachtet ihn letztlich als einen „Gesichtsverlust“. Diese Argumentation ist besonders explosiv in China, wo jede „Misshandlung“ des Mittleren Reiches durch den Westen aufrührende Erinnerungen an die ungleichen Verträge der Opium-Kriege weckt. Trotzdem gibt es kaum wirklich die dafür sprechen, dass das „Chermany“-Phänomen sich nicht halten wird. Zwar gibt es einige Sorgen um den chinesischen Markt, doch ist er insgesamt stabil. Peking zeigte wiederholt Willen zu konzertierten und vorsichtigen Maßnahmen gegen jegliche Form von wirtschaftlicher Destabilisierung und stellte entschieden fest, dass es die aktuelle zweistellige BIP-Wachstumsrate halten möchte (10,3% im Jahresvergleich im zweiten Quartal, verglichen mit 11,9% im ersten Quartal). Und die deutschen Firmen werden in China bleiben. VW hat China lange seinen „zweiten Heimatmarkt“ genannt. Eigentlich ist es jedoch der erste, wenn man bedenkt, dass VW nun schon seit einiger Zeit mehr Autos in China als in Deutschland verkauft.
Mit dem langsam wachsenden Renminbi wird die Binnennachfrage in China steigen. Die erstarkende Einkaufskraft der Inländer hat sich in höheren Ausgaben im Bereich der Luxusgüter niedergeschlagen. Dies bedeute wiederum eine steigende Nachfrage nach deutschen Gütern, meint der Chefvolkswirt von HSBC Trinkhaus, Stefan Schilbe. Für China hat der Erfolg des Chermany-Phänomens noch wichtigere Konsequenzen. Als China vor einiger Zeit Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt überholte, deren Bürger einen steigenden Lebensstandard genießen, erklärten viele, dass China ein mögliches alternatives Regierungsmodell für afrikanische und lateinamerikanische Staaten darstelle. Der Peking-Konsens scheint sich durch seine wirtschaftliche Kraft selbst Gültigkeit verliehen zu haben. Durch strenge Regierungskontrollen, verabreicht mit großzügigen Dosen Marktkapitalismus, dauerte es nur kurze dreißig Jahre von Deng Xiaopings ersten Marktreformen bis zu stark frequentierten BMW- und Mercedes-Händlern in chinesischen Städten.
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Chermany

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