Einen Kommentar hinzufügen

Die Fehler der Europäischen Zentralbank in der Finanzkrise

Diesen Artikel weiterempfehlen

Wirtschaftskrise = Klarheitskrise?!

Nachdem die Finanzkrise in den Vereinigten Staaten schon im Sommer 2007 begann, wurden sich spätestens zum Jahrestag des Falls von Lehman Brothers am 15. September 2009 alle über eine Sache klar: Wenn die Europäer bis Dezember 2008 geglaubt und behauptet haben, dass es sich um eine „amerikanische Krise“ handelt, so ist diese nun sehr wohl auch eine europäische. Die OECD hat wieder einmal die wirtschaftliche Tendenz bestätigt, die bereits seit Ende des Jahres 2008 zu erkennen war: Die EU und noch mehr der Euroraum, das Kernstück des wirtschaftlichen Europas, versinken tiefer im Morast als der Rest der Welt, ausgenommen Japan. Europa steckt in mehreren Krisen, denn zum Wachstumsproblem des europäischen Kernlands kommen erhebliche Schwierigkeiten der neuen Mitgliedstaaten, allen voran die von Lettland. Das Land hat gute Chancen, die neue europäische Lehman Brothers zu werden.


Diese weitaus größere als erwartete europäische Misere lässt sich einfach erklären: Europa hat zu viel Nachsicht in der Krise an den Tag gelegt – es war gespalten, wo es hätte enger zusammenrücken sollen. Durch die Ohnmacht war Europa umso apathischer, was die Probleme verschlimmert und nicht gelöst hat. Der Kontrast zu den USA, die selbst noch weit davon entfernt sind, die Krise hinter sich zu lassen, ist an dieser Stelle frappierend, denn dort trägt die gewaltige Wirtschaftspolitik von Notenbankchef Bernanke und Präsident Obama ihre ersten Früchte.

Was Beobachter europäischer Angelegenheiten vielleicht noch mehr verblüfft, ist das Fehlen von Klarheit über den Ablauf der Geschehnisse seitens politischer und wirtschaftlicher Entscheidungsträger. Das allgemeine Urteil über das Handeln der Europäischen Zentralbank (EZB) in der Krise gibt Aufschluss darüber, dass Europa das Ausmaß der Krise noch immer nicht begriffen hat.

Euribor: Euro Interbank Offered Rate

Euribor steht für Euro Interbank Offered Rate. Euribor bezeichnet den durchschnittlichen Zinssatz, zu dem 57 europäische Banken (die sogenannten Panel-Banken) einander Anleihen in Euro gewähren. Bei der Festsetzung der Euribor-Werte werden die höchsten und niedrigsten 15% der gemeldeten werte nicht berücksichtigt. An jedem Arbeitstag um 11:00 Uhr Central European Time werden die Euribor-Werte festgesetzt und allen teilnehmenden Partnern und der internationalen Presse mitgeteilt.

Spricht man über Euribor, so ist oft die Rede von einem Euribor-Zinssatz, als ob es nur einen derartigen Wert gibt. Dies trifft jedoch nicht zu, es existieren 15 verschiedene Euribor-Zinssätze mit je unterschiedlichen Laufzeiten.

Quelle: Euribor-rates.eu

Eine seltsame Idee hatte sich in der europäischen Debatte festgesetzt: Die EZB soll die einzige Institution gewesen sein, die im Laufe der Krise korrekt funktioniert hat und ihre resoluten Handlungen sollen dafür gesorgt haben, dass die Situation auf dem „alten Kontinent“ sich nicht noch weiter verschlimmert. Dieser Gedanke ist schlicht und ergreifend falsch und das Gegenteil ist der Fall. In der Dringlichkeit hat sich die EZB bei Entscheidungen bezüglich der richtigen Geldstrategie fatal geirrt – ein erstes Mal im Herbst 2007 und ein weiteres im Sommer 2008. Diese beiden Fehler haben den Euroraum kostbare Wachstumspunkte im letzten Trimester des Jahres 2008 sowie im ersten Vierteljahr 2009 gekostet.

Drei Grafiken verdeutlichen die empirische Gültigkeit dieses auf den ersten Blick vielleicht strengen, sogar unfairen Urteils. Die erste misst die Wirksamkeit der Liquiditätsstrategie, die die EZB von Anbeginn der Krise gewählt hat. Ihr Präsident Jean-Claude Trichet hat sich selbst mehrmals öffentlich dazu beglückwünscht, seit dem 9. August 2007 enorm viel Geld in den Interbankenmarkt gepumpt zu haben, um die Misstrauenskrise, verursacht durch beachtliche Verluste auf dem Subprime-Markt, einzudämmen. Aber diese Selbstzufriedenheit steht im absoluten Widerspruch zur Realität: Die Entwicklung der Euribor-Werte, die ein guter Spannungsbarometer auf dem europäischen Interbankenmarkt sind, haben auf die in Frankfurt eingeleitete Liquiditätsstrategie nicht reagiert und ihr Wachstum erst gedämpft, als die EZB sich schließlich am 8. Oktober 2008 dazu entschlossen hat, ihren Leitzins zu senken. Anschließend sind die Werte jeder weiteren Senkung europäischer Zinssätze gefolgt (s. Grafik 1).

Grafik 1: Bitte klickenGenau an dieser Stelle setzen die beiden anderen Grafiken an – der Grund, aus welchem die EZB sich über einen Zeitraum von anderthalb Jahren nach Beginn ihrer unfruchtbaren Geldspritzen schlicht und ergreifend geweigert hat, ihre Zinsen zu senken, hängt mit einem weiteren Fehler zusammen, nämlich ihrer Inflationsdiagnose.

Grafik 2: Bitte klickenDie Geldwertillusion hat voll zugeschlagen und die EZB dazu veranlasst, ihre Leitzinsen am 9. Juli 2008 zu erhöhen. Just in diesem Augenblick ist die durch Rohstoffe angeheizte Inflation, deren Kernrate jedoch stabil geblieben ist, zurückgegangen. Diese Entscheidung, die lediglich eine durch die weltweite Rezession verursachte rückläufige Tendenz der Preise verstärkt hat, hat wiederum dem wirtschaftlichen Wachstum in Europa im letzten Trimester 2008 sowie im ersten Trimester 2009 das Genick gebrochen.

Kurz, die EZB hat einer untypischen weltweiten Rezession eine zusätzliche europäische, durchaus typische, Rezession hinzugefügt, verursacht durch eine zu restriktive Geldpolitik seitens der Zentralbank. Wenn man den europäischen Wachstumsrückstand gegenüber den USA in den Jahren 2008 (laut OECD 45%) und 2009 (die OECD schätzt diesen auf 58%) addiert, kann man kaum glauben, dass so viele europäische Entscheidungsträger davon überzeugt waren, dass die weltweite Rezession an Europa vorbeiziehen und die amerikanische Wirtschaft dauerhaft schwächen würde.

Hätte die europäische Nachsicht ein Gesicht, so wäre es sicherlich das des Vorsitzenden der Eurogruppe, Jean-Claude Juncker. Der für die Koordination zwischen den Euro-Staaten zuständige luxemburgische Premierminister gab am 17. September 2008 die Order aus, den politischen Kurs nicht zu ändern.


(Quelle Logo: MPD01605, Flickr.com)


Diesen Artikel weiterempfehlen
reagir   Drucken   envoyer par mail   Autoren
Noch kein Kommentar
ds Einen Kommentar hinzufügen
Wirtschafts- und Währungsunion
Griechenland steckt immer noch tief in der Krise, es gibt kaum Jobs. Doch die jungen Griechen bleiben optimistisch – und (...)
Wirtschaft, Soziales, Unternehmen
Nach der Ankündigung der zukünftigen EU-Agenda 2020 darf man mehr als enttäuscht sein über die Kluft zwischen den angekündigten Zielen und den (...)

Dieser Artikel in anderen Sprachen:

Crise économique, crise de lucidité

Autoren

Eloi Laurent (OFCE)

Eloi Laurent ist Ökonom beim OFCE (French Economic Observatory) und lehrt an Sciences Po Paris, an der Stanford University und am Collège des hautes études européennes. Er ist Spezialist in Fragen der europäischen (...)

Webseite : Seine Seite auf den Webseiten des OFCE

traducteur

Inna BELOUS (Übersetzerin)

Geboren in Kasachstan, hat Inna ihre ersten zehn Jahre in Kustanaj gelebt, bevor sie mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen ist. Zunächst in Rheinland-Pfalz und anschließend in Nordrhein-Westfalen hat sich bereits früh ihre Begeisterung für (...)
Letzter Kommentar

jouer casino en ligne devouvre le site internet en verite bien fini. Nous-même projete dont moi-même regagner quand plus de temps pour decouvrir revue.

Mary über Spill-over statt Game Over | 15. Mai 2012, 17:16 (1)

excellent portail, à la fois riche en renseignements et parfait. Je vous encourage de rediger toujours Pareil. de tout coeur. parier sur internet bwin

Teri über Europa erklärt (5/7): Wo sind die (...) | 7. Mai 2012, 18:20 (3)

Das alles ist aber das Werbelayer der Kommission. Man mag sich fragen, ob eine Mitwirkung der Kommission an der Meinungsbildung des Volkes überhaupt statthaft ist. Dieses Video war deshalb gut, (...)

Rebentisch über Offener Brief der Redakteure von (...) | 6. Mai 2012, 11:47 (1)

Die Geschichte eines Staates Palästina ist viel früher anzusetzen als bei der Resolution der VN von 1947: Bereits der Völkerbund hatte die vorher von den Briten versprochene Entlassung der Araber in (...)

Donatus über „Die Geschichte wiederholt sich (...) | 21. Januar 2012, 16:42 (1)

Bon boulot l’ami, au plaisir de vous lire comparateur mutuelle pour chiencomparateur mutuelle mutuelle existence nîmes|mutuelle des motards lille|mutuelle des motards (...)

über WESTLICHER BALKAN: Auf dem Weg in (...) | 6. Oktober 2011, 20:15 (74)

Frisch gezwitschert
Facebook

Neues Jahr, neue Vorsätze. Was steht auf deiner Liste? Wie wäre es mit ein wenig Engagement für ein junges, europäisches Projekt: Die Euros sind stets auf der Suche nach motivierten jungen Leuten, für die ‘Europa’ nicht nur ein abstrakter Begriff ist.

… als Autor/in

„Brüssel hat entschieden“, „die EU konnte sich nicht einigen“, „EU-Beamte verschwenden Steuergelder“... Wenn’s dir bei diesen Schlagzeilen in den Fingern kribbelt, Europa mal so richtig hinterleuchten, die Vorurteile zu verstehen und mit kritischen Blick aufzuarbeiten - und zwar so, dass es auch deine Freunde verstehen... Dann bewirb dich als ehrenamtlicher Autor bei den Euros!

Was muss ein/e Autor/in der Euros mitbringen?

-  Interesse und Ideen zu europäischen Themen - ob politisch, wirtschaftlich, historisch oder kulturell - und den Anreiz, diese Themen für ein breites Publikum mit Feinsinn und Kreativität aufzuarbeiten
-  Einen sicheren und verständlichen Schreibstil
-  Einen europäischen Traum

Was bieten dir die Euros?

Wir sind die einzige Webseite im deutschen Netz, die die EU kritisch, aber mit einem dynamischen und pädagogischen Anspruch angeht. Es erwarten dich ein multikulturelles und kreatives Team mit jahrelanger journalistischer Erfahrung aus allen Ecken Europas, eine Plattform für deine Ideen mit einer europaweiten Leserschaft, ehrliches Feedback, sowie Kontakte und Recherchehilfen direkt aus Brüssel.

… als Multimedia-Redakteur/in

Nicht umsonst sind wir ein Online-Magazin : ‘Online’, das bedeutet neue Möglichkeiten und neue Potentiale. Du bist im Bereich Radio-Journalismus tätig? Du weißt, wie man europäische Themen mit diesem Medium an den Mann und die Frau bringt? Dann werde Multimedia-Redakteur/in bei den Euros. Unser Ziel ist es, regelmäßig interessante und kurzweilige Podcasts anzubieten, die speziell für die Euros produziert wurden. 2012 startet unsere Podcast-Projekt ‘Welcome to the jungle’ – Thema ist der Brüsseler Demokratie-Dschungel und (unsinnige) EU-Direktiven. Um das Projekt weiter auszubauen brauchen wir dich!

… als Blogger/in

Du bist dynamisch, schreibst gerne und hast deine eigene Meinung zu europäischen Ereignissen – und die teilst du lieber durch kleine, regelmäßige Beiträge mit als in langen Analysen? Dann ist ein Eurosblog vielleicht das richtige für dich. Wir suchen junge Menschen aus ganz Europa, die etwas zu sagen und Lust haben, unser Netzwerk zu erweitern.

Was muss ein/e Blogger/in mitbringen ?

-  Dynamismus: Die Welt der Blogs ist schnelllebiger als unser Magazin; Blogger/innen können besser auf aktuelle Ereignisse reagieren.
-  Einen sicheren und verständlichen Schreibstil.
-  Eigenständigkeit: Anders als bei unseren Autoren können wir nicht jeden Blog-Artikel gegenlesen (obwohl wir die Blogs natürlich generell im Auge behalten). Souveränität im Umgang mit Themen, Sprache und technischen Gegebenheiten ist also notwendig.
-  Interesse an europäischen Ereignissen und an europäischer Politik.
-  Das gewisse Etwas: Wir suchen Blogger/innen, die wirklich Interessantes zu berichten haben. Ein Erasmus-Jahr in Spanien? Eine Anstellung in Brüssel? Eine Rundreise durch Europa? Als aktives Mitglied eines phänomenalen Projekts? Euch brauchen wir! Insbesondere Blogger/innen in europäischen Hauptstädten und den Regierungssitzen der EU (Brüssel, Straßburg, Luxemburg) sind willkommen.
-  Vor allem: Kreativität ! Europa ist dynamisch, Europa ist spannend. Und das gilt es, unseren Lesern zu zeigen.

… als Übersetzer/in

Sprachen sind deine Spezialität und du möchtest helfen, das babylonische Sprachgewirr zumindest ein wenig zu entzerren und unser Projekt voranzubringen? Dann werde Übersetzer/in bei den Euros! Mittlerweile gibt es fünf Sprachversionen, sodass du unter Italienisch, Französisch, Spanisch und Englisch wählen kannst. Jede Woche werden neue Artikel veröffentlicht – es gibt also (fast) immer was zu tun. Du kannst eigene Übersetzungsvorschläge machen, aber im Allgemeinen senden wir auch regelmäßig Vorschläge an alle Übersetzer/innen.

Professionnelle Übersetzer/innen sind ebenso willkommen wie Sprach-Fans, die eine der genannten Sprachen sehr gut beherrschen.

… als ‘Experte’

Für unsere Rubrik ‘Policy papers’ (‘Themenbögen’) suchen wir immer nach Beiträgen. Du hast eine spannende Hausarbeit über ein Europa-relevantes Thema geschrieben, hast dich eingelesen und bist zum ‘Experten’ geworden – und außer dir und deinem Prof hat die Arbeit wahrscheinlich keiner gelesen ? Bei den Euros hast du die Möglichkeit, solche Arbeiten als Policy paper zu veröffentlichen. Teile dein Wissen mit anderen Europäern und Europäerinnen!

Bewerbungen per Mail an unsere Chefredakteurin Julia : julia.korbik@die-euros.eu.

… als Mitglied der Community

Werde Teil unserer paneuropäischen Debatte! Wie das geht? Ganz einfach: Kommentiere unsere Artikel! Deine Meinung ist uns und unseren Autoren und Autorinnen wichtig. Bring dich ein, teile uns mit, was du denkst.

Öffne dich für Europa! Wir freuen uns auf dich.

Aktiv werden bei den Euros…

Politik
Wirtschaft
Gesellschaft & Medien
Nachhaltige Entwicklung
Innenpolitik
Außenpolitik
Institutionen & Brüssel
Deutschland
EU 27
Das andere Europa
Welt
Eurosblogs
Le « Sonderfall » hongrois face à l'Europe
Y’a pas le feu à l’Europe
© Groupe Euros du Village 2010 | Mentions légales | Webseite erstellt mit SPIP | Réalisation technique et design : Media Animation & Euros du Village France