Diese weitaus größere als erwartete europäische Misere lässt sich einfach erklären: Europa hat zu viel Nachsicht in der Krise an den Tag gelegt – es war gespalten, wo es hätte enger zusammenrücken sollen. Durch die Ohnmacht war Europa umso apathischer, was die Probleme verschlimmert und nicht gelöst hat. Der Kontrast zu den USA, die selbst noch weit davon entfernt sind, die Krise hinter sich zu lassen, ist an dieser Stelle frappierend, denn dort trägt die gewaltige Wirtschaftspolitik von Notenbankchef Bernanke und Präsident Obama ihre ersten Früchte.
Was Beobachter europäischer Angelegenheiten vielleicht noch mehr verblüfft, ist das Fehlen von Klarheit über den Ablauf der Geschehnisse seitens politischer und wirtschaftlicher Entscheidungsträger. Das allgemeine Urteil über das Handeln der Europäischen Zentralbank (EZB) in der Krise gibt Aufschluss darüber, dass Europa das Ausmaß der Krise noch immer nicht begriffen hat.
Euribor: Euro Interbank Offered Rate
Euribor steht für Euro Interbank Offered Rate. Euribor bezeichnet den durchschnittlichen Zinssatz, zu dem 57 europäische Banken (die sogenannten Panel-Banken) einander Anleihen in Euro gewähren. Bei der Festsetzung der Euribor-Werte werden die höchsten und niedrigsten 15% der gemeldeten werte nicht berücksichtigt. An jedem Arbeitstag um 11:00 Uhr Central European Time werden die Euribor-Werte festgesetzt und allen teilnehmenden Partnern und der internationalen Presse mitgeteilt.
Spricht man über Euribor, so ist oft die Rede von einem Euribor-Zinssatz, als ob es nur einen derartigen Wert gibt. Dies trifft jedoch nicht zu, es existieren 15 verschiedene Euribor-Zinssätze mit je unterschiedlichen Laufzeiten.
Quelle: Euribor-rates.eu
Eine seltsame Idee hatte sich in der europäischen Debatte festgesetzt: Die EZB soll die einzige Institution gewesen sein, die im Laufe der Krise korrekt funktioniert hat und ihre resoluten Handlungen sollen dafür gesorgt haben, dass die Situation auf dem „alten Kontinent“ sich nicht noch weiter verschlimmert. Dieser Gedanke ist schlicht und ergreifend falsch und das Gegenteil ist der Fall. In der Dringlichkeit hat sich die EZB bei Entscheidungen bezüglich der richtigen Geldstrategie fatal geirrt – ein erstes Mal im Herbst 2007 und ein weiteres im Sommer 2008. Diese beiden Fehler haben den Euroraum kostbare Wachstumspunkte im letzten Trimester des Jahres 2008 sowie im ersten Vierteljahr 2009 gekostet.
Drei Grafiken verdeutlichen die empirische Gültigkeit dieses auf den ersten Blick vielleicht strengen, sogar unfairen Urteils. Die erste misst die Wirksamkeit der Liquiditätsstrategie, die die EZB von Anbeginn der Krise gewählt hat. Ihr Präsident Jean-Claude Trichet hat sich selbst mehrmals öffentlich dazu beglückwünscht, seit dem 9. August 2007 enorm viel Geld in den Interbankenmarkt gepumpt zu haben, um die Misstrauenskrise, verursacht durch beachtliche Verluste auf dem Subprime-Markt, einzudämmen. Aber diese Selbstzufriedenheit steht im absoluten Widerspruch zur Realität: Die Entwicklung der Euribor-Werte, die ein guter Spannungsbarometer auf dem europäischen Interbankenmarkt sind, haben auf die in Frankfurt eingeleitete Liquiditätsstrategie nicht reagiert und ihr Wachstum erst gedämpft, als die EZB sich schließlich am 8. Oktober 2008 dazu entschlossen hat, ihren Leitzins zu senken. Anschließend sind die Werte jeder weiteren Senkung europäischer Zinssätze gefolgt (s. Grafik 1).
Genau an dieser Stelle setzen die beiden anderen Grafiken an – der Grund, aus welchem die EZB sich über einen Zeitraum von anderthalb Jahren nach Beginn ihrer unfruchtbaren Geldspritzen schlicht und ergreifend geweigert hat, ihre Zinsen zu senken, hängt mit einem weiteren Fehler zusammen, nämlich ihrer Inflationsdiagnose.
Die Geldwertillusion hat voll zugeschlagen und die EZB dazu veranlasst, ihre Leitzinsen am 9. Juli 2008 zu erhöhen. Just in diesem Augenblick ist die durch Rohstoffe angeheizte Inflation, deren Kernrate jedoch stabil geblieben ist, zurückgegangen. Diese Entscheidung, die lediglich eine durch die weltweite Rezession verursachte rückläufige Tendenz der Preise verstärkt hat, hat wiederum dem wirtschaftlichen Wachstum in Europa im letzten Trimester 2008 sowie im ersten Trimester 2009 das Genick gebrochen.
Kurz, die EZB hat einer untypischen weltweiten Rezession eine zusätzliche europäische, durchaus typische, Rezession hinzugefügt, verursacht durch eine zu restriktive Geldpolitik seitens der Zentralbank. Wenn man den europäischen Wachstumsrückstand gegenüber den USA in den Jahren 2008 (laut OECD 45%) und 2009 (die OECD schätzt diesen auf 58%) addiert, kann man kaum glauben, dass so viele europäische Entscheidungsträger davon überzeugt waren, dass die weltweite Rezession an Europa vorbeiziehen und die amerikanische Wirtschaft dauerhaft schwächen würde.
Hätte die europäische Nachsicht ein Gesicht, so wäre es sicherlich das des Vorsitzenden der Eurogruppe, Jean-Claude Juncker. Der für die Koordination zwischen den Euro-Staaten zuständige luxemburgische Premierminister gab am 17. September 2008 die Order aus, den politischen Kurs nicht zu ändern.
(Quelle Logo: MPD01605, Flickr.com)


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Crise économique, crise de lucidité

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