Petya Stavreva und Giovanni Berlinguer
Petya Stavreva wurde am 29. April 1977 geboren und ist damit die jüngste Europaabgeordnete. Als Politikjournalistin aus Bulgarien beschäftigen sie besonders landwirtschaftliche Fragen und die Gleichheit von Männern und Frauen. In ihrer Funktion als Vorstandsmitglied der Bulgarischen Bauern-Volksunion setzt sich Petya Stavreva seit ihrer Ankunft im Europäischen Parlament im Jahre 2007 mit landwirtschaftlichen Fragen innerhalb des parlamentarischen Ausschusses für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung auseinander. Sie hat einen Fraktionssitz in der Europäischen Volkspartei und ist Mitglied der europäischen Demokraten.
Giovanni Berlinguer wurde am 9. Juli 1924 geboren und ist damit aktuell der älteste Abgeordnete im Europäischen Parlament. Im Alter von 20 Jahren wurde er Mitglied der kommunistischen Partei Italiens und wurde anschließend Generalsekretär des internationalen Studentenverbandes. Nach 20 Jahren als Mitglied des Zentralkomitees der kommunistischen Partei Italiens ist er nun Mitglied des Parteivorstands der Sozialdemokraten im Europäischen Parlament. Als Doktor der Medizin und Chirurgie, sowie Professor für Sozialmedizin und Mitglied des internationalen Bioethikausschusses der Unesco beschäftigt sich Giovanni Berlinguer mit den Verbindungen zwischen Gesundheit und sozialen Bedingungen. Im Alter von 80 Jahren wurde er zum Europaabgeordneten gewählt und war damit im Juli 2004 Vorsitzender der Gründerversammlung des Europäischen Parlaments.
Die Euros : Aus welchen Gründen sind sie Europaabgeordnete geworden ?
Berlinguer : Ich interessiere mich seit meiner Jugend für internationale Beziehungen und ab 1949, als ich zum Generalsekretär des internationalen Studentenverbandes gewählt wurde, wollte ich mich aktiv daran beteiligen.
Stavreva : Weil das Europäische Parlament die demokratischste Institution in Europa ist. Man wird per Direktwahl gewählt, es zählt die Stimme aller Europäer aus allen Ländern.
Seit wann sind sie Europaabgeordnete und in welchem Alter sind sie gewählt worden ?
Berlinguer : Ich wurde Europaabgeordneter im Jahr 2004, im Alter von 80 Jahren.
Stavreva : Ich bin 2007 im Alter von 30 Jahren ins Parlament gewählt worden.
Inwiefern stellt dies eine wichtige Etappe in Ihrem Leben und Ihrer politischen Karriere dar ?
Berlinguer : Ich habe die Politik nie als Teil einer Karriere betrachtet, sondern als eine Aufgabe und einen Dienst : Die Politik war für mich immer eine moralische Angelegenheit. Vor meiner Zeit als Europaabgeordneter habe ich viele Tätigkeiten ausgeübt. Ich bin Arbeitsmediziner und Universitätsprofessor. Ich habe im Bereich der Bioethik gearbeitet, ich war Präsident des nationalen Bioethikausschusses in Italien und Mitglied des Bioethikausschusses der UNESCO. Ich habe insbesondere am sehr ehrgeizigen Projekt der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur sozialen Bestimmung des Gesundheitswesens mitgearbeitet. Als ich Europaabgeordneter geworden bin, habe ich meine Kenntnisse über die EU und ihre Notwendigkeiten erweitert. Ich hatte ebenfalls die Möglichkeit, enorm viel über die parlamentarische Praxis zu lernen, Kenntnisse und Erfahrungen, die sehr nützlich für meine anderen Tätigkeiten sind (Gesundheitspolitik, Gleichheit im Gesundheitswesen, Bioethik).
Stavreva : Vorher war ich Journalistin und habe mich mit Organisationen junger Landwirte und Frauenorganisationen befasst. Mithilfe meiner Erfahrung auf diesen Gebieten kann ich mich nun in der Funktion als Europaabgeordnete weiterhin um diese äußerst wichtigen Themen kümmern. In der nächsten Zeit möchte ich weiter in dieser Funktion arbeiten, aber diese Entscheidung liegt bei den Bürgern.
Was waren die größten Schwierigkeiten, die Ihnen bei der Eingewöhnung in Ihr Mandat begegnet sind ?
Berlinguer : Im Hinblick auf die Praxis hatte ich einige Schwierigkeiten mit der Intensität und Häufigkeit der Reisen. Wir müssen in der Tat viel zwischen dem Wahlkreis in Italien, Brüssel und Straßburg hin- und herreisen und dazu zählen noch nicht die zahlreichen Delegationsreisen ins Ausland. In politischer Hinsicht brauchte ich eine gewisse Eingewöhnungszeit : Ich bedaure, die Aktivitäten des Europäischen Parlaments vor meiner Wahl nicht intensiver verfolgt zu haben.
Stavreva : Im Parlament zu sitzen unterscheidet sich völlig vom Journalismus. Ich musste mich sehr schnell mit den Regeln innerhalb des Europäischen Parlaments vertraut machen, um erfolgreich arbeiten zu können : die Beziehungen zwischen den Abgeordneten kennen lernen, sowie die recht spezifischen Regeln des Lobbyismus erlernen. Ich bekam dabei Hilfe von zahlreichen Kollegen und Mitgliedern meiner parlamentarischen Ausschüsse oder meiner Partei. Allen, die die Arbeit nicht scheuen, wird eine Chance gegeben. Dies ist das Gute im Europäischen Parlament. Wenn man ein Ziel hat und wenn man dafür arbeitet, wird man unterstützt. Das Reisen ist kein Problem für mich.
Nennen Sie mir drei Adjektive, die Ihrer Meinung nach einen „guten“ Abgeordneten ausmachen ?
Berlinguer : Kompetent, leidenschaftlich und vorallem respektvoll gegenüber anderen.
Stavreva : Sehr aktiv, zielstrebig und mit einem offenen Ohr für die Bürger.
Was behalten Sie am stärksten in Erinnerung von Ihrem Mandat im Europäischen Parlament ?
Berlinguer : Den ersten Tag mit seiner Vielzahl an neuen Begegnungen und vorallem die Möglichkeit, Alterspräsident zu sein ! Aber die besten Erinnerungen haben mir die vielen Besucher hinterlassen : die Qualität und die Zahl der Gespräche, sei es mit Besuchern oder „Impulsgebern“ in einer Debatte. Ich denke vorallem an die jungen Leute und Menschen mit körperlichen und/oder geistigen Behinderungen.
Stavreva : Ich behalte besonders die Debatte um den Vertrag von Lissabon in Erinnerung, weil dieser Vertrag die Kräfte im Europäischen Parlament neu verteilt, den Bürgern mehr Macht einräumt und ein neues Kapitel der Demokratie in Europa aufschlägt. Ich hoffe, dass ihn letztendlich alle Länder ratifizieren werden.
Was waren Ihre stärksten Enttäuschungen und größten Siege ?
Berlinguer : Meine größte Enttäuschung war die Ablehnung der Europäischen Verfassung durch die Franzosen und die Holländer.
Stavreva : Ich bin immer noch sehr enttäuscht vom Rat, der die Vorschläge des Parlaments zu vielen Themen nicht akzeptiert, insbesondere anlässlich des Gesundheitschecks der Gemeinsamen Agrarpolitik.
Berlinguer : Ich denke, dass ich gemeinsam mit Millionen anderer Leute zum Ausschluss der Gesundheitspflege und der Bildung aus der Dienstleistungsrichtlinie beigetragen habe. Für mich ist diese Wahrung des allgemeinen Interesses ein großer Sieg.
Stavreva : Ich bin sehr stolz auf meinen ersten Bericht, der am 31. März innerhalb des Ausschusses für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung (Anm. d. Red. : Bericht über den Vorschlag für eine Verordnung des Rates zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 1698/2005 über die Förderung der Entwicklung des ländlichen Raums durch den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raumes (ELER)) verabschiedet wurde. Ich habe erfolgreich vorgeschlagen, 1 Milliarde Euro für die ländlichen Regionen zu investieren und einen Garantiefonds für die Landwirte einzurichten. Ich hoffe, dass der Rat unsere Vorschläge annehmen wird.
Werden Sie bei den Wahlen im Juni 2009 wieder antreten ?
Berlinguer : Nein. Ich habe immer an der Politik teilgenommen und werde dies auch weiter tun, aber ohne politisch in der Verantwortung zu stehen. Ich möchte die Möglichkeit nutzen, mich weiterhin meinen Interessen zu widmen, insbesondere der weltweiten Gesundheit und der Gleichheit im Gesundheitswesen. Ich ziehe mich also aus dem Europäischen Parlament zurück, aber nicht aus der Politik selbst.
Stavreva : Ja. Ich hoffe, wiedergewählt zu werden, aber angesichts der momentan sehr angespannten politischen Stimmung in Bulgarien sind die Listen noch nicht festgelegt (Anm. d. Red. : Das Interview wurde Ende April 2009 geführt).
Kommen wir nun zu den allgemeineren Fragen über ihre Vision von Europa. Was ist für Sie das markanteste Andenken an die europäische Integration ?
Berlinguer : Der Frieden. Wir haben nun seit 60 Jahren Frieden in Europa, was für mich fundamental ist. Dies ist nicht nur ein Ausschnitt, sondern eine ausgezeichnete Chance für alle europäischen Bürger, insbesondere für alle Jugendlichen, die die Möglichkeit haben, durch ganz Europa zu reisen und dabei lernen, sich zu verstehen.
Stavreva : Ohne Frage, die Erweiterung der EU ! Dank dieses Schrittes gehört Bulgarien nun zur Europäischen Union.
Was denken Sie über die Entwicklung des Parlaments, seiner Rolle und was wünschen Sie sich für die Zukunft ?
Berlinguer : Ich wünsche mir, dass das Parlament die Fähigkeit besitzt, die Ansprüche und Meinungen der Bürger zu verstehen und dabei Entscheidungen trifft, die ihren Bedürfnissen gerecht werden.
Stavreva : Das Europäische Parlament wird immer demokratischer, hat mehr Einfluss und mehr Möglichkeiten, die allgemeine Entwicklung Europas zu beeinflussen. Ich wünsche mir eine Fortsetzung dieses Prozesses, weil die Demokratie und Europa unbedingt erfolgreich sein müssen.
Nennen Sie drei Dinge, die sie gerne an Europa verändern würden.
Berlinguer : Ich würde zuallererst die Unfähigkeit Europas, bezüglich der Außenpolitik mit einer Stimme zu sprechen, verändern, sowie die Schwäche der EU im Mittleren Osten. Desweiteren haben wir bei den Themen Energie und Umwelt einige, kleine Schritte in die richtige Richtung gemacht, leider ohne den Mut, unsere Standpunkte zu konkretisieren.
Stavreva : Zuallererst würde ich mir wünschen, dass die europäischen Fragen und Europa allgemein menschlicher werden, dass sie näher an den Bürgern sind und weniger bürokratisch. Außerdem möchte ich, dass die EU über die Erhöhung der Subventionen hinaus neue Mitgliedsstaaten stärker unterstützt. Schließlich wünsche ich mir eine einheitlichere Beschäftigungspolitik.
Was denken Sie über das Verhältnis zwischen den Bürgern Europas und den europäischen Institutionen ?
Berlinguer : Ich finde, man sollte dieses Verhältnis dringend überdenken. Europa hat immer versucht, durch Politik „von oben“ zu überzeugen, aber das hat keine guten Ergebnisse gebracht.
Stavreva : Ich glaube, dass das Verhältnis nicht eng genug ist, manchmal muss man mehrere Ebenen durchlaufen, um die Lösung für ein Problem zu finden. Bei uns in Bulgarien wird das Europäische Parlament als weit entfernte Einrichtung betrachtet, die Bürger kennen die Institutionen nicht und wissen nicht, warum sie existieren. Die Institutionsmitglieder, insbesondere die Abgeordneten, müssen ein höheres Maß an Erklärungen, Informationen und Kommunikation bieten. Ich denke, dass man nah an den Bürgern sein und einen Dialog schaffen sollte. Ich mache das jede Woche, ich möchte den Leuten ins Gesicht blicken und einen direkten Kontakt haben.
Wie sieht Europa für Sie im Jahre 2030 aus ?
Berlinguer : Das würde ich gerne noch miterleben ! Aktuell durchläuft Europa eine tiefe Krise, aber es zeigt auch Stärke. Im Jahre 2030 stelle ich mir Europa noch geeinter und demokratischer vor.
Stavreva : Ich hoffe, dass Europa noch größer sein und viele Mitgliedsstaaten haben wird, dass es einheitlicher ist und die Grenzen zwischen den Mitgliedsländern nicht mehr existieren, aber dass die verschiedenen Traditionen trotzdem immer noch vorhanden sind. Ich hoffe, dass die Bürger Europas mehr Vertrauen in die Institutionen setzen werden. Ich werde 2030 nicht mehr hier sein, sondern die Fackel weiterreichen. Mir wurde die Möglichkeit gegeben, Jungabgeordnete zu sein, ich möchte, dass die anderen nach mir auch diese Chance erhalten.
Ein großes Dankeschön an Petya Stavreva und Giovanni Berlinguer dafür, dass sie sich zur Verfügung gestellt haben. Dieses Gespräch hat zwei zutiefst europäische Persönlichkeiten in Erscheinung treten lassen, die enorm viele Gemeinsamkeiten aufweisen, was ihre Vision von Europa betrifft und hat deren gemeinsamen Willen aufgezeigt : mehr Nähe zu den Bürgern schaffen, kommunizieren, erklären. Über die Unterschiede bei Alter, geographischer Herkunft und politischer Sensibilität hinaus leben diese beiden Abgeordneten die Europäische Union auf die gleiche Art und Weise, mit den gleichen Enttäuschungen und Hoffnungen und lehren uns dabei etwas sehr Schönes : Unabhängig von unserem Alter oder unserer geographischen Herkunft, sind wir alle Europäer.












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