Die vielen Gesichter der griechischen Tragödie (Teil 3)

Wie Griechen die Krise sehen

Mit Griechenland ging 2010 die Euro-Krise los. Seitdem mussten die Griechen viel einstecken : Typisch Südländer, so das Urteil vieler, die haben eben eine andere Arbeitsmoral. Vor den Wahlen am 17. Juni trafen DIE EUROS griechische Studenten, Professoren und Angestellte – und blicken in einer Interviewserie über den Tellerrand der Troika, der Kommission und der Bilanzen hinaus auf ein Volk, das immerhin die Wiege der Demokratie ist.


Sechs Griechen und Griechinnen, zehn Fragen, sechzig verschiedene Antworten. Ist die Stimmung im Land wirklich so hoffnungslos ? Teil zwei unserer Interviewserie mit Katerina und Nick.

KATERINA, Fachbetreuerin an einer Schule Piero

1 – Wann hast Du die Krise zum ersten Mal gespürt ?

Im Jahr 2010 war es offensichtlich, dass die Krise beginnt. Überall gab es Diskussionen über die Kürzung der Löhne und Gehälter – doch wir hätten es nie für möglich gehalten, dass so etwas wie jetzt passieren kann.

2 – Findest Du, dass die letzten griechischen Regierungen sich in den letzten fünf Jahren angemessen verhalten haben ?

Offensichtlich nicht. Die Krise ist das Ergebnis dieser Regierungen, die mit der Situation nicht umgehen konnten.

3 – Glaubst Du, dass die Einführung des Euro zu der Krise geführt hat ?

Nein, das Problem hat mit der Schaffung eines bürokratischen und ineffizienten Staates zu tun, der nicht in der Lage war, die Herausforderungen zu meistern und die Produktion in Griechenland anzukurbeln.

4 – Was müsste getan werden, um die aktuelle politische und wirtschaftliche Situation zu ändern ?

Wir brauchen Hilfe, denn wir sehen kein Ende, keinen Ausweg aus dieser Situation. Ich habe leider keinen Vorschlag.

5 – Was hältst Du von den Ergebnissen der Wahlen am 6. Mai (ein zweiter Wahlgang fand am 17. Juni statt, Anm. d. Red.) ?

Das Volk ist wütend, das Auftreten der neonazistischen Partei ‚Goldenes Morgenlicht‘ [griech. Chrysi Avgi] ist ein sehr gefährliches Phänomen, und die demokratischen Parteien können keine Regierung bilden. Andererseits ist es das erste Mal in Griechenland, dass es nicht nur zwei Parteien gibt.

6 – Was hältst Du von einem möglichen Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone ?

Das wäre eine Katastrophe. Nein, wir müssen drinnen bleiben... aber wir müssen auch überleben.

7 – Was hältst Du von den Entscheidungen der EU in Bezug auf die Situation in Griechenland ?

Sie haben diskutiert, ohne die Griechen und deren Bedürfnisse zu berücksichtigen. Sie glauben, dass wir nicht zu ihnen gehören und dass sie uns behandeln können, wie sie wollen.

8 – Wie findest Du das momentane Wahlsystem in Griechenland ? Würdest Du es ändern wollen ?

Das System ist nicht gerecht. Ich würde es ändern.

9 – Wie siehst Du Griechenland in den nächsten drei Jahren ? Sehr schwierig.

10 – Ein Wort zur Beschreibung der momentanen Schwierigkeiten Griechenlands.

Verzweiflung.

JPEG - 123.3 ko
Bringt der Euro Griechenland zum Einsturz ?

Nein, sagen viele Griechen. Schuld ist vielmehr die griechische Regierung.

Quelle : http://www.flickr.com/photos/hinkel...

NICK, 50 Jahre, Professor an der Abteilung für mechanische Ingenieurwissenschaften an der Westmazedonischen Universität in Kozani.

1 – Wann hast Du die Krise zum ersten Mal gespürt ?

Genau in dem Moment, als ich mein erstes gekürztes Gehalt bekommen habe, was irgendwann 2010 war. Ich unterrichte an einer staatlichen Universität und bin ein Professor auf Lebenszeit – bin ich das noch immer ? –, ein Staatsbediensteter. Bis zu diesem Moment war es unmöglich, eine Beamtenbesoldung zu kürzen. Dann ist die Hölle losgebrochen !

2 – Findest Du, dass die letzten griechischen Regierungen sich in den letzten fünf Jahren angemessen verhalten haben ?

Die Antwort ist ein eindeutiges „Nein“. In den Jahren vor und nach der Einführung des Euro haben die Regierungen wie verrückt die ganzen Gelder verschleudert, die in Griechenland ankamen.

3 – Glaubst Du, dass die Einführung des Euro zu der Krise geführt hat ?

Die Antwort ist „Nein, verdammt“ ! Die Ursache der ganzen Krise ist eine schreckliche „griechische Dummheit“ ! Insbesondere unsere Regierungen waren die Topathleten dieser Sportart ! Es ist davon auszugehen, dass auch das griechische Volk die Verantwortung für die „griechische Dummheit“ trägt und das Ergebnis ist eine „griechische Tragödie“.

4 – Was müsste getan werden, um die aktuelle politische und wirtschaftliche Situation zu ändern ?

Die Lösung ist klar : Der Staat, also die Regierung, dürfte nichts mehr von seinen Einnahmen ausgeben.

5 – Was hältst Du von den Ergebnissen der Wahlen am 6. Mai (ein zweiter Wahlgang fand am 17. Juni statt, Anm. d. Red.) ?

Es war schrecklich, die neonazistische Partei ins griechische Parlament einziehen zu sehen. Aber auch das hat mit der schrecklichen „griechischen Dummheit“ zu tun !

6 – Was hältst Du von einem möglichen Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone ?

Das wäre eine Katastrophe für Griechenland !

7 – Was hältst Du von den Entscheidungen der EU in Bezug auf die Situation in Griechenland ?

Sie tragen Verantwortung, was hätten sie sonst tun sollen ?

8 – Wie findest Du das momentane Wahlsystem in Griechenland ? Würdest Du es ändern wollen ?

Das System scheint in Ordnung zu sein. Das griechische Volk und insbesondere die politischen Führer brauchen eine „Wiedergutmachungsarbeit“.

9 – Wie siehst Du Griechenland in den nächsten drei Jahren ?

Wer weiß das schon ? Beten wir weiter für Griechenland.

10 – Ein Wort zur Beschreibung der momentanen Schwierigkeiten Griechenlands.

Eine große griechische Tragödie, verursacht durch die große griechische Dummheit.

Teil 1 : Vassiliki und Jannis.

Demnächst : Teil 3 mit Andrika und Eirini.


reagir   Imprimer   envoyer par mail   Auteurs
Espace réactions ()

Wirtschafts- und Währungsunion
Begegnungen mit Griechen und Griechinnen, die den Glauben an ihre politische Führung verloren haben - nicht jedoch den an den (...)
Europa in der Krise
Durch die Wahl am 17. Juni haben Griechenland und Europa Zeit gewonnen. Der grundlegende Konflikt ist damit aber nicht (...)
Begegnungen mit Griechen und Griechinnen, die den Glauben an ihre politische Führung verloren haben - nicht jedoch den an den (...)

Auteurs

Giuseppe CIARLIERO

Site internet : Un blog Ciarliero

Marta ALBERTINI

Site internet : Words & Coffee

traducteur

Jana GUTBROD (Übersetzerin)

  Meist gelesen Meist kommentiert
Seit einem Monat | Seit immer
Frisch gezwitschert
Facebook

Am 18. November 2012 wurde zum 12. Mal der Siebenpfeiffer-Preis verliehen – und Die Euros haben von der Jury eine lobende Anerkennung erhalten.

In der Begründung der Jury heißt es dazu:

„Dieses Online-Portal von Studierenden und jungen Absolventen unterschiedlicher Universitäten in Europa bietet Informationen und Reflexionen zu Europa und zur Politik der Europäischen Union. Im digitalen Dialog geht es um soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Fragen – aus Sicht und in der Aufmachung der jüngeren Generation. Zusätzlich zu diesem Medienprojekt verstehen sich „Die Euros“ auch als Netzwerk der Zivilgesellschaft, das die Bürgerbeteiligung und den Gemeinschaftssinn in Europa fördern will – ganz im Sinne Siebenpfeiffers und seiner Mitstreiter.“

Für Die Euros nahm Autorin Carolin Dylla in Homburg die Auszeichnung entgegen.

Den mit 5000 Euro dotierte Siebenpfeiffer-Preis erhielt in diesem Jahr der freiberufliche Auslandskorrespondent Detlef Drewes. Der Preis wird regelmäßig an Journalisten vergeben, die durch ihre Arbeit für Presse, Rundfunk und Fernsehen demokratisches Bewusstsein fördern, d.h. sich für ein freiheitliches Menschenbild und eine demokratisch-soziale Grundüberzeugung einsetzen – ganz in der Tradition Philipp Jakob Siebenpfeiffers. Mit dem Preis soll insbesondere journalistisches Engagement ausgezeichnet werden, das keine Rücksicht auf berufliche Karriere oder finanzielle Vorteile nimmt. Siebenpfeiffer selbst forderte Pressefreiheit und bekannte sich dazu Ende 1831 in seiner Zeitung „Der Bote aus Westen“, wo er den französischen Dichter und Autor Alphonse de Lamartine zitierte:

„Die Presse muß nothwendig frei sein, denn sie ist die Stimme aller, ihr Schweigen ist der Tod der Freiheit, jede Tyrannei, welche eine Idee morden will, beginnt damit, daß sie die Presse knebelt.“

Die Jury des Siebenpfeiffer-Preises setzt sich aus Mitgliedern der gleichnamigen Stiftung zusammen, die von den Journalistenverbänden in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Saarland sowie Thüringen bzw. der Hambach-Gesellschaft für historische Forschung und politische Bildung ernannt werden, dem Publizisten Fred Oberhauser, sowie je einem Vertreter der Saarbrücker Zeitung und des Saarländischen Rundfunks sowie zwei Vertretern des Saarpfalz-Kreises.

Wir, das Euros-Team – Julia Korbik (Chefredakteurin), Vera Kissler (stellv. Chefredakteurin) und Helene Banner (Projektleiterin Die Euros) – danken der Siebenpfeiffer-Stiftung für die Auszeichnung. Gerade in Zeiten der Euro-Krise ist es wichtig, Europas Bürgerinnen und Bürgern Analysen, Meinungen und Reportagen zu bieten, die einen anderen Blick auf die EU und Europa ermöglichen. Denn: Europa ist eben nicht nur die EU.

Die Euros basieren auf ehrenamtlichem Engagement. Jeder von uns steckt regelmäßig viel Arbeit und Herzblut in das Projekt. Dass solches Engagement nun mit einer lobenden Anerkennung gewürdigt wird, freut uns sehr. Ein großer Dank geht an alle unsere Autorinnen und Autoren, Übersetzer und Übersetzerinnen: Ohne euch wären Die Euros nicht dort, wo sie heute sind. Wenn ihr nicht unermüdlich Beiträge schreiben und Texte unserer anderen Sprachversionen übersetzen würdet, wäre unsere Seite leer. Diese Auszeichnung ist vor allem eure Auszeichnung.

Die verschiedenen Sprachversionen der Euros:

http://www.eurosduvillage.eu (FR) http://www.glieeuros.eu (ITA) http://www.theeuros.eu (ENG) http://www.loseuros.eu (SPA)

Die Euros erhalten lobende Anerkennung der Siebenpfeiffer-Stiftung

Politik
Wirtschaft
Gesellschaft & Medien
Nachhaltige Entwicklung
Innenpolitik
Außenpolitik
Institutionen & Brüssel
Deutschland
EU 28
Das andere Europa
Welt
© Groupe Euros du Village 2010 | Mentions légales | Webseite erstellt mit SPIP | Réalisation technique et design : Media Animation & Euros du Village France