„Ist der Zug jetzt ohne uns abgefahren ?“ Allgemeine Unruhe kommt auf unter den älteren Herren, die ungeduldig am Bahnsteig des Sirkeci Bahnhofs in Istanbul stehen. Ein Mitarbeiter des türkischen Staatsfernsehens TRT bahnt sich einen Weg durch die Massen von Kameramännern, Tonmännern und Journalisten. Er erklärt beruhigend, dass die erste Abfahrt des Zuges nur für das Live-Programm von TRT gewesen sei und dass der Zug jetzt wieder zurückk komme, um alle einsteigen zu lassen.
Eine Zugfahrt in die Vergangenheit
35 Rentner – die meisten in den 60ern und 70ern als türkische Gastarbeiter nach Deutschland gekommen – sind zum Anlass des 50. Jahrestages des Anwerbeabkommens noch einmal mit dem Zug von Istanbul nach München gefahren. Die gleiche Strecke, die sie schon einmal zurückgelegt hatten. Über Plovdiv, Belgrad, Zagreb und Salzburg ging die von TRT organisierte Zeitreise. Neben den 35 Zeitzeugen waren deutsche und türkische Journalisten, Politiker, Schriftsteller und Künstler an Bord. Ein bunter Austausch sollte stattfinden, alle sollten ein bisschen besser verstehen, wie es damals war und an den Erinnerungen der Zeitzeugen teilhaben.
Eine Zeitreise in zwei Klassen
Im Waggon hinter dem Konferenzraum, vier Abteile entfernt von den 35 Hauptpersonen, verschanzen sich die türkischen Politiker. Für die langen Ausführungen und Erinnerungen der Rentner interessieren sie sich nur vor der Kamera. So, wie die Hauptpersonen schon gleich zu Beginn am Bahnsteig stehen gelassen wurden, so werden sie auch während der Reise öfter mal vergessen. Nach drei Stunden Verspätung und einem langen Tag in Zagreb angekommen wird die Gruppe zu einem kurzen Empfang von der kroatischen Bahngesellschaft eingeladen. Letztendlich dürfen doch nur die VIPs der Gruppe, sprich Politiker und einige Journalisten, daran teilnehmen. Die müden Pensionäre müssen draußen im Bus warten. Der türkische Parlamentspräsident Cemil Cicek fährt ebenfalls mit im Zug. Auch er verschanzt sich in seinem Abteil, hat offensichtlich keine richtige Lust auf die Gastarbeiter und ihre Geschichten, sitzt dafür aber lange mit den Journalisten zusammen, die ansonsten die meiste Zeit Zeitung lesen. Auch die mitreisenden türkischen Parlamentarier scheinen mehr das Programm ihrer Regierung verkaufen zu wollen, als dass sie ein wirkliches Interesse am Schicksal ihrer Auslandstürken zeigen. Die türkische Presse berichtet schön brav, wie es von ihr verlangt wird.
Sich zu beschweren, heißt aufzufallen
Jede deutsche Studentengruppe hätte sich schon mehrfach beschwert : Verspätungen von mehreren Stunden ohne Ansagen, fehlende Koffer im Hotel, unsaubere Toiletten, langes Warten auf die VIPs. Unter den Pensionären regt sich aber nicht einmal ein kleines bisschen Unmut. Sie sind dankbar für die Hotels, das Essen, die Stadtrundfahrten und die nette Gesellschaft. Als ehemalige Gastarbeiter haben sie sich daran gewöhnt, sich möglichst nicht zu beschweren und unauffällig zu bleiben. Und dankbar zu sein. Deshalb gibt auch jeder bereitwillig Interviews, immer und immer wieder. Auch, wenn die Antworten im Laufe der Reise immer müder und knapper ausfallen.
Romantisierung einer harten Reise
Dankbar sind sie vor allem auch, weil die Reise dieses Mal so ganz anders ist, als vor 50 Jahren. Mit dem Zug zu fahren hat etwas Romantisches. Mit dem Zug von Istanbul nach München zu fahren, das ist der Orientexpress, das ist das Abenteuer. Diese Vorstellung einer romantischen Fahrt in eine neue Welt ist die Idee hinter der Jubiläumsreise. Die Frage, die sich die Zeitzeugen immer wieder stellen lassen müssen : „Wie war die Reise damals, wie haben Sie sich damals gefühlt ?“ Jeder Journalist möchte gerne spannende Anekdoten und emotionale Erinnerungen von der Zugfahrt damals hören. Allerdings erinnert sich kaum jemand an die Reise selbst. Man habe natürlich ein bisschen Angst gehabt, aber vor allem habe man sich auf das Abenteuer gefreut. Die drei Tage im Zug – auf Holzbänken, mit wenig Essen, ohne fließendes Wasser und Strom – waren allerdings für die meisten einfach nur eine beschwerliche Reise, an deren Ende das Abenteuer erst begann.
Die Erinnerung lebt

- Reden, Singen, Lachen
-
Trotz straffem Programm ließen sich die Rentner nicht davon abhalten, zu feiern.
Und dann gibt es sie doch, diese ganz authentischen Momente. TRT kann noch so viel inszenieren, die wahren und ehrlichen Erinnerungen kommen immer wieder durch. Die Pensionäre reden bereitwillig über ihr Leben, solange man ihnen kein Mikro vor die Nase hält. Und sie singen und tanzen gerne. Die Musik, die hier im Zug gemacht wird, kommt von Herzen. Da lässt sich keiner von den Kameras beeindrucken. Alle schließen die Augen und singen mit. Die tief stehende Sonne beleuchtet die türkische Mondsichel, die ins Zugfenster gestanzt ist. Plötzlich scheinen alle wieder ganz jung zu sein, noch in der Türkei, vor ihrer Zeit in Deutschland, das Abenteuer noch vor sich. Es fließen ein paar Tränen und nur schwer kann man sich von diesem gemeinsam gefühlten Moment lösen.
Gastarbeiter als Medienstars
Und selbst der Medienrummel kommt einigen der Teilnehmer sehr gelegen. Mehmet Ali Zaimoglu nutzt die große Aufmerksamkeit, um sein Buch zu verkaufen. Passend zum 50. Jahrestag kam auch die deutsche Ausgabe seiner Lebensgeschichte auf den Markt. Er freut sich, das Buch Staatsministerin Maria Böhmer präsentieren zu können und verweist in Interviews auf Stellen in seinem Werk. Wenn man etwas näher wissen wolle, könne man das ja in seinem Buch nachlesen. Er bedankt sich für jedes Foto, was man von ihm macht und ist immer der Lauteste, wenn die Anwesenheit abgefragt wird. Wenn man seinen Enthusiasmus sieht, fällt es schwer, sich nicht für ihn zu freuen, dass sein Buch so groß rauskommt auf der Fahrt.
Nicht mehr vergessen
Obwohl die mediale Verwertung der Zugfahrt viel Raum für Kritik bietet und die 35 Rentner nicht immer angemessen beachtet wurden, hat das Rampenlicht doch den Vorteil, dass eine Reflektion über das Thema Gastarbeiter stattfindet, dass Einzelschicksale gewürdigt werden. Und auch für die ehemaligen Gastarbeiter selbst waren die fünf Tage eine schöne Gelegenheit, alte Erinnerungen mit jungen Menschen zu teilen. Außerdem hatten alle, die den Ärger über das, was nicht gut lief, runterschlucken konnten, viel Spaß, haben gesungen und gelacht. Die Zeit, die die Mitreisenden mit den Zeitzeugen verbringen konnten, kann ihnen keiner mehr nehmen. Die schönen Erinnerungen und intensiven Momente werden bleiben. Egal, wie oft der Zug abgefahren ist.
Fotos : (c) Isabelle Schaefers/Die Euros


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