Revolutionen in Südeuropa und die Wirtschaftskrise

Ein ‚Mittelmeerklub’ für die PIIGS ?

Heiße Sommer, wunderschöne Strände, prächtige Gebäude, exquisites Essen… jedes Jahr zieht der Süden Europas Millionen von Touristen an. Sie bewundern den entspannten Lebensstil, die langen Ruhepausen und die hitzigen Diskussionen. Durch diese Klischees können leicht auch Vorurteile von faulen oder rückständigen Griechen, Italienern, Spaniern oder Portugiesen entstehen. Aber die Menschen im Süden fordern die Modernisierung ihrer Gesellschaften und die Abschaffung von hierarchischen Gesellschaftsstrukturen, in denen sich Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften auf den Machterhalt konzentrieren und Konzessionen oder beiderseitige Vorteile austauschen wollen, anstatt den Fortschritt zu planen und zu organisieren. Die zunehmende Unzufriedenheit kann nicht länger mit einfachen Lösungen abgegolten werden - vielmehr bedarf es echter Veränderungen. Für den Süden eröffnet sich damit die historische Gelegenheit, voranzukommen. Europa sollte ihm dabei behilflich sein. Ein Kommentar von Peter Claeys.


Die Tourismuswerbung des ‚Mittelmeerklubs’ gegen das Klischee der PIIGS

In der Tourismuswerbung werden lange warme Sommer, wunderschöne Strände, prächtige Gebäude und exquisites Essen üblicherweise als die Hauptattraktionen der Länder im Süden Europas verkauft. Kein Wunder also, dass Portugal, Spanien, Italien oder Griechenland weltweit im Tourismus an der Spitze liegen. Die Kehrseite dieses Images eines ‚Mittelmeerklubs‘ ist jedoch ein weiteres Klischee. Der entspannte Lebensstil, die langen Ruhepausen und die hitzigen Diskussionen werden bewundert, was wiederum Vorurteile von faulen und rückständigen schafft. In der Wirtschaftspresse wird der ‚Mittelmeerklub‘ zum stigmatisierenden Akronym PIIGS, als wenn die wirtschaftliche Lage in diesen Ländern durch persönliche Einstellungen und Kultur allein erklärt werden könnte. Die Wirtschaftskrise hat dieses Bild nur noch verstärkt. Letztendlich ist es doch so : „Griechenland hat seinen Haushalt beschönigt, was erwartet ihr ?“

Natürlich spiegeln diese Klischees einfache Vorurteile wider, zumal es ganz unterschiedliche Erfahrungen in den PIIGS Ländern gibt. Portugal oder Italien befinden sich in einer anhaltenden wirtschaftlichen Stagnation. Griechenland und sicherlich auch Spanien leiden unter den Auswirkungen des schnellen Wirtschaftswachstums, was zu einem starken Aufschwung geführt hat. Aber wenn die Krisen eines verbindet, dann dass es versäumt wurde, sich rechtzeitig an die Einführung des Euro anzupassen. Wirtschaftliche, soziale und politische Systeme haben so weiter gemacht wie bisher, ohne die Veränderungen in der Gesellschaft wahrnehmen zu wollen.

Eine Eigenschaft, die alle Gesellschaften im Süden Europas gemein haben, ist ihre hierarchische Struktur. Vertreter aus Politik, Gewerkschaften und Wirtschaft sind mehr daran interessiert die Macht, die sie erlangt haben, auf eigene Kosten und auf Kosten der Gesellschaft zu erhalten. Dann wachen sie eifersüchtig über diese Macht, um ihre Privilegien zu verteidigen. Die Folge eines solchen Systems ist eine nach innen gewandte Schicht von Politikern, die jahrzehntelang an der Regierung ist. Politische Debatten konzentrieren sich auf Themen, die schon lange überholt sind : Italiens Staatschef Berlusconi warnt noch immer vor den Kommunisten und Politiker des linken Flügels empören sich lautstark über den Faschismus. Unternehmen geben gerne Geld an Politiker, von denen sie wissen, dass sie ihrem Unternehmen einen Vorteil verschaffen werden. Es ist also wenig verwunderlich, dass Korruption und Steuerhinterziehung in einem solchen System an der Tagesordnung sind. In vielen Rathäusern und regionalen Regierungspalästen häufen sich die Skandale. Arbeitsplätze werden von den Gewerkschaften auf Kosten der Jugendlichen und Arbeitslosen gesichert, indem sie aufgefordert werden auf einen festen Arbeitsplatz zu warten, während sie für zu geringe Löhne in ungeschützten Beschäftigungsverhältnissen arbeiten. Es überrascht daher nicht, dass die Menschen für eine sichere Stelle beim Staat Schlange stehen und eine Stelle in der Verwaltung einer Anstellung in einem Privatunternehmen vorziehen. Die Menschen im Süden gehen seit jeher gegen diese Art der Rent-Seeking-Mentalität auf die Straße. In diesen Ländern wurden in der jüngeren politischen Vergangenheit Modernisierungsbewegungen durch Diktaturen unterdrückt. In der Zeit davor wurden im Mittelmeerraum mehrere Revolutionen, die demokratischere Systeme etablieren wollten, niedergeschlagen.

Diese Altlasten aus der Vergangenheit sind niemals vollständig verschwunden und die Klassen, die alles beim Alten belassen wollen, unterbinden weiterhin die Rufe nach Modernisierung. Für gewöhnlich wurde die zunehmende Unzufriedenheit durch einfache Lösungen unter Kontrolle gehalten : Der Staat verschuldete sich selber, um für höhere Sozialausgaben und Arbeitslosenunterstützung aufzukommen oder es wurde eine schnelle Geldentwertung durch hohe Inflationsraten beschlossen oder die Währung fallen gelassen.

Angela Merkel : Scharfe Kritik am System garantiert Unterstützung

Heutzutage hat die europäische Integration eine neue Erasmus-Generation geschaffen, in der Studenten nicht nur ins Ausland gehen, sondern auch modernere Gesellschaften erleben, in denen sich ihnen weitere Chancen bieten. Sie wissen, dass es verschiedene Arten von Gesellschaften gibt. Dieses Mal muss sich der Süden Europas wirklich modernisieren, da eine einfache Option nicht mehr zur Wahl steht. Der Euro erfordert echte Anpassungen, die sich nicht so schnell auszahlen werden. Das eröffnet die historische Gelegenheit, voranzukommen und die meisten Griechen, Italiener, Spanier und Portugiesen werden sehr froh sein, wenn dies das politische und soziale Leben zum Besseren verändert. Europa sollte diese Chance ergreifen und bei der Modernisierung behilflich sein. Strenge walten lassen, um Anpassungen zu erzwingen, ist keine schlechte Strategie, solange sie mit Modernisierungen einhergeht. Kürzungen zu fordern und die Menschen zu belasten ist dagegen keine so gute Strategie. Zusammenfassend könnte man Angela Merkel den folgenden Rat geben : Wenn man das System kritisiert, wird man überall im Süden unterstützt werden, wenn man jedoch nur auf die Menschen abzielt und allzu hohe Einschnitte von ihnen fordert, dann wird der Süden auch in Zukunft nicht vorankommen.


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Demokratie und Menschenrechte
Führung durch das Machtzentrum einer der umstrittensten europäischen Agenturen.
Mit der Krise hat eine schleichende Veränderung der europäischen Entscheidungsfindung stattgefunden.
Wirtschafts- und Währungsunion
Begegnungen mit Griechen und Griechinnen, die den Glauben an ihre politische Führung verloren haben - nicht jedoch den an den (...)
Begegnungen mit Griechen und Griechinnen, die den Glauben an ihre politische Führung verloren haben - nicht jedoch den an den (...)

Auteurs

Peter CLAEYS

Lecturer in Economics at the University of Barcelona, where he does mainly research on fiscal policy, international economics and EMU, and also teaches Statistics and Econometrics. He holds a PhD in Economics from the European University (...)

traducteur

Veronika DILONG (Übersetzerin)

Im Internet

Statistiken beweisen:
Angela Merkels Klischeevorstellungen stimmen nicht
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Am 18. November 2012 wurde zum 12. Mal der Siebenpfeiffer-Preis verliehen – und Die Euros haben von der Jury eine lobende Anerkennung erhalten.

In der Begründung der Jury heißt es dazu:

„Dieses Online-Portal von Studierenden und jungen Absolventen unterschiedlicher Universitäten in Europa bietet Informationen und Reflexionen zu Europa und zur Politik der Europäischen Union. Im digitalen Dialog geht es um soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Fragen – aus Sicht und in der Aufmachung der jüngeren Generation. Zusätzlich zu diesem Medienprojekt verstehen sich „Die Euros“ auch als Netzwerk der Zivilgesellschaft, das die Bürgerbeteiligung und den Gemeinschaftssinn in Europa fördern will – ganz im Sinne Siebenpfeiffers und seiner Mitstreiter.“

Für Die Euros nahm Autorin Carolin Dylla in Homburg die Auszeichnung entgegen.

Den mit 5000 Euro dotierte Siebenpfeiffer-Preis erhielt in diesem Jahr der freiberufliche Auslandskorrespondent Detlef Drewes. Der Preis wird regelmäßig an Journalisten vergeben, die durch ihre Arbeit für Presse, Rundfunk und Fernsehen demokratisches Bewusstsein fördern, d.h. sich für ein freiheitliches Menschenbild und eine demokratisch-soziale Grundüberzeugung einsetzen – ganz in der Tradition Philipp Jakob Siebenpfeiffers. Mit dem Preis soll insbesondere journalistisches Engagement ausgezeichnet werden, das keine Rücksicht auf berufliche Karriere oder finanzielle Vorteile nimmt. Siebenpfeiffer selbst forderte Pressefreiheit und bekannte sich dazu Ende 1831 in seiner Zeitung „Der Bote aus Westen“, wo er den französischen Dichter und Autor Alphonse de Lamartine zitierte:

„Die Presse muß nothwendig frei sein, denn sie ist die Stimme aller, ihr Schweigen ist der Tod der Freiheit, jede Tyrannei, welche eine Idee morden will, beginnt damit, daß sie die Presse knebelt.“

Die Jury des Siebenpfeiffer-Preises setzt sich aus Mitgliedern der gleichnamigen Stiftung zusammen, die von den Journalistenverbänden in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Saarland sowie Thüringen bzw. der Hambach-Gesellschaft für historische Forschung und politische Bildung ernannt werden, dem Publizisten Fred Oberhauser, sowie je einem Vertreter der Saarbrücker Zeitung und des Saarländischen Rundfunks sowie zwei Vertretern des Saarpfalz-Kreises.

Wir, das Euros-Team – Julia Korbik (Chefredakteurin), Vera Kissler (stellv. Chefredakteurin) und Helene Banner (Projektleiterin Die Euros) – danken der Siebenpfeiffer-Stiftung für die Auszeichnung. Gerade in Zeiten der Euro-Krise ist es wichtig, Europas Bürgerinnen und Bürgern Analysen, Meinungen und Reportagen zu bieten, die einen anderen Blick auf die EU und Europa ermöglichen. Denn: Europa ist eben nicht nur die EU.

Die Euros basieren auf ehrenamtlichem Engagement. Jeder von uns steckt regelmäßig viel Arbeit und Herzblut in das Projekt. Dass solches Engagement nun mit einer lobenden Anerkennung gewürdigt wird, freut uns sehr. Ein großer Dank geht an alle unsere Autorinnen und Autoren, Übersetzer und Übersetzerinnen: Ohne euch wären Die Euros nicht dort, wo sie heute sind. Wenn ihr nicht unermüdlich Beiträge schreiben und Texte unserer anderen Sprachversionen übersetzen würdet, wäre unsere Seite leer. Diese Auszeichnung ist vor allem eure Auszeichnung.

Die verschiedenen Sprachversionen der Euros:

http://www.eurosduvillage.eu (FR) http://www.glieeuros.eu (ITA) http://www.theeuros.eu (ENG) http://www.loseuros.eu (SPA)

Die Euros erhalten lobende Anerkennung der Siebenpfeiffer-Stiftung

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