Wenigstens scheinen Europas Bürger sich dem Problem bewusst zu sein. Laut den Ergebnissen der letzten Eurobarometer-Umfrage, die im Jahre 2009 durchgeführt wurde, haben zwei Drittel der Europäer das Gefühl, dass immer noch verbreitet Ungleichheit zwischen Männern und Frauen herrscht.
Dem Kampf gegen Diskriminierung im Allgemeinen und um Gleichberechtigung von Mann und Frau im Besonderen wird im Lissaboner Vertrag und der Strategie „Europa 2020“ Rechnung getragen. Doch geschlechterspezifische Probleme sind in vielen Bereichen unserer Gesellschaft präsent und um Lösungen zu finden, müssen die Mitgliedsstaaten der EU vielleicht schon Maßnahmen ergreifen, die bis in den Bereich der Erziehung reichen.
„Warum sind wir immer an zweiter Stelle ? Warum können wir nie die Nummer 1 sein ?”

- In gewisser Weise darf man sich als Frau keine Niederlage leisten
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Catherine Ashton, Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik und erste Vizepräsidentin der Europäischen Kommission (links im Bild), gemeinsam mit Staats- und Regierungschefs Ende 2009
Europas Bürger nehmen das Thema ernst. Aber geht die EU auch mit gutem Beispiel voran ?
Obwohl 40% seiner Berater weiblich sind, betont auch der EU-Präsident Herman Van Rompuy, dass im Europäischen Rat bedauerlicherweise immer noch ein Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen herrsche. Persönlichkeiten wie Angela Merkel bilden die Ausnahme, denn die nationale Politik und die der EU werden ganz offensichtlich von Männern dominiert.
Die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, Diana Wallis, zeigt sich schockiert über die derzeitige Situation, in der Frauen in den Spitzenpositionen deutlich unterrepräsentiert sind. Bei der Konferenz der EWLA am 3. Juni erklärte sie seufzend : “Früher habe ich mich vehement für die Gleichstellung der Frau eingesetzt. Ich dachte, ich könnte langsam damit aufhören.” In der Hoffnung, eine Veränderung dieser ungleichen Situation in der EU herbeiführen zu können, führte Wallis am 18. November 2009 eine Demonstration der Europäischen Frauenlobby (EWL) an. Während ihres Marsches vom Europäischen Parlament zum Europäischen Rat forderten die Demonstranten, dass mindestens einer der vier höchsten Posten in der EU von einer Frau besetzt werden sollte und dass das Kollegium der EU-Kommissare zur Hälfte aus Frauen bestehen sollte. Sollte dies nicht gelingen, so würden einige Mitglieder des Parlaments ihre Zustimmung zur neuen Zusammensetzung der Kommission verweigern, drohten die Demonstranten. Das Ergebnis dieser Drohung : Ein Drittel der neuen EU-Kommissare sind weiblich.
Diana Wallis ist dennoch skeptisch und fragt sich : “Warum sind wir immer an zweiter Stelle ? Warum können wir nie die Nummer 1 sein ?“ Die Baronin Catherine Ashton ist zwar die Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik und erste Vizepräsidentin der Europäischen Kommission. Aber die Herausforderung, einen solchen Posten zu bekleiden, ist damit noch nicht zu Ende. Sobald Frauen einmal in einer Führungsposition sind, müssen sie erfahrungsgemäß hart um ihre Anerkennung kämpfen. Die zuvor genannten Beispiele Angela Merkel und Catherine Ashton sind in dieser Hinsicht vorbildlich. Beide Politikerinnen werden in den Medien immer wieder heftig kritisiert, denn : “In gewisser Weise darf man sich als Frau keine Niederlage leisten.“, so Diana Wallis.
Wie geht man in der EU mit der Geschlechterfrage um ?

- Diana Wallis, Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments (links) und Margot Wallström, ehemalige Vizepräsidentin der Europäischen Kommission
Quelle : Audiovisueller Dienst der Europäischen Kommission
Geschlechtliche Gleichberechtigung wirft in vielen Bereichen Probleme auf. Frauen werden auf dem Arbeitsmarkt häufiger diskriminiert als Männer. In Entwicklungsländern wirkt sich die Globalisierung negativ für Frauen aus, weil mehr und mehr Landwirte in die Armut abrutschen, was dazu führt, dass die Frauen gezwungenermaßen in andere Länder auswandern und dort erniedrigende und nicht selten gefährliche Tätigkeiten mit starker körperlicher Belastung ausüben müssen, so die Generalsekretärin des Europäischen Gewerkschaftsbunds, Catelene Passchier. Ebenso finden Frauen mit Behinderungen wohl weniger Berücksichtigung auf dem Arbeitsmarkt als ihre männlichen Kollegen. Außerdem ist klar, dass in Zeiten einer Wirtschaftskrise Männer, die einen gering qualifizierten Job ausüben oder in der Automobilindustrie tätig sind, eher ihren Arbeitsplatz verlieren als jene, die eine höher qualifizierte Tätigkeit ausüben. Frauen sind aber indirekte Verlierer dieser Entlassungen, da öffentliche Ausgaben umgelagert werden und Zuschüsse gekürzt werden. Dies sind nur einige wenige Beispiele.
Es gibt mehrere Gesetzestexte der EU, die sich dem Problem der Gleichberechtigung von Männern und Frauen widmen. Gültige Regelungen des Lissaboner Vertrags und EU-Richtlinien sorgen für Gleichstellung beim Zugang zur Arbeitswelt, für gleiche Bezahlung, für die Gewährleistung von Mutterschutz, für gleiche soziale Absicherung und vieles mehr.
Die durchgängige Berücksichtigung der Geschlechterfrage oder der Prozess der Integration der geschlechtlichen Gleichberechtigung in sämtliche Aktivitäten und Maßnahmen der EU ist ein wichtiges Element des Vertrags von Lissabon und auch der Strategie „Europa 2020“. Letztgenannte Strategie legt den Schwerpunkt auf strukturelles Wachstum, das intelligent, nachhaltig und umfassend sein soll. Sie beinhaltet das sehr ehrgeizige Ziel, die Beschäftigungsquote der Bevölkerung zwischen 20 und 60 Jahren von den aktuellen 69 Prozent auf mindestens 75 Prozent zu erhöhen. Um es mit den Worten Herman Van Rompuys zu sagen : Ohne die Berücksichtigung der Frau „können wir nichts von alledem erreichen.”
Kann die EU wirklich etwas gegen die Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt unternehmen ?

- Quelle : flickr, freeparking
“Es sind auf EU-Ebene ausreichend gesetzliche Grundlagen vorhanden”, verrät Edit Bauer, Mitglied des Europäischen Parlaments und des Ausschusses für die Rechte der Frau und Chancengleichheit (FEMM), „aber größtenteils sind immer noch die Mitgliedsstaaten selbst für das Thema verantwortlich.“
Laut der neuesten Eurobarometer-Umfrage sehen drei Viertel der Europäer die Gründe für die mangelnde Berücksichtigung von Frauen für Spitzenpositionen entweder in deren Verantwortung gegenüber der Familie oder der Dominanz der Geschäftswelt durch Männer, die nicht genügend Vertrauen in Frauen setzen.
Stereotype Vorstellungen sind in unserer Gesellschaft immer noch sehr verbreitet. „Ich wette, dass ich heute nicht da wäre wo ich bin, wenn ich damals mit Jeans und T-Shirt in das Europäische Parlament hineinspaziert wäre”, meint Diana Wallis, die die Vorstellung ablehnt, dass Frauen genauso aussehen sollten wie Männer, um im Geschäftsleben erfolgreich zu sein. Die jüngste Eurobarometer-Umfrage belegte auch, dass die Mehrheit der Europäer der Meinung ist, dass frauenfeindliche Klischeevorstellungen am häufigsten am Arbeitsplatz vorkommen.
Erziehung ist hier das Stichwort. Solange Schulen, die Medien, die Spielzeugindustrie und alle anderen, die noch zur Sozialisation beitragen, nichts aktiv dagegen unternehmen, dass Kinder in einer Welt aufwachsen, in der Jungen in blauer Kleidung stellvertretend für das Bild des hart arbeitenden Familienvaters stehen und Mädchen mit pinkfarbenen Kleidern die Haare ihrer Barbiepuppen kämmen, wird sich an der Rollenverteilung in unserer Gesellschaft nichts ändern.


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Gender inequality and the EU

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