Istanbul ist kreativ

- Für’s erste ist der Schweizer in Istanbul gestrandet - ein toller Job oder eine tolle Frau könnten ihn zum Bleiben überreden.
Eigentlich wollte er an der Schwarzmeerküste entlang reisen, für ein Fotoprojekt. Aber irgendwie ist er aus Istanbul nicht mehr weggekommen. Nicolas Brodard (26) ist Fotograf, kommt aus der Schweiz und lebt schon länger in Istanbul – allerdings immer wieder mit kleineren Unterbrechungen. Für ihn bietet die Stadt nicht nur eine Vielzahl an Perspektiven und Themen für seine Arbeit, sondern auch „ständige Herausforderungen im Alltag die dazu führen, dass man nicht faul wird.“
Nicolas ist nur einer von vielen hier. Nicht nur immer mehr junge Menschen mit türkischen Wurzeln gehen in die Türkei, um hier von der boomenden Wirtschaft, aber auch dem boomenden kulturellen Leben zu profitieren, sondern ebenso viele junge Europäer ohne türkische Vorfahren schließen sich an. Die Türkei ist heute vielmehr ein beliebtes Gastland für gut ausgebildete Westeuropäer als ein Auswanderungsland.
Istanbul ist gesellig

- Die Schwedin träumt von einem Kitesurf-Hotel im Süden der Türkei.
Paulina Peltola (25) ist wegen der Liebe nach Istanbul gekommen. Die Schwedin hatte Istanbul aber immer schon als mögliche Wahlheimat ins Auge gefasst. Die Türkei bietet ihr gute Möglichkeiten, im Sommer als Kitesurflehrerin und im Winter als Skilehrerin zu arbeiten. Paulina ist erst seit Mai in Istanbul und versucht, ihr Leben hier ganz langsam zu starten. Dazu gehört zunächst einmal, die Sprache zu lernen.
Türkisch zu lernen ist nicht für alle selbstverständlich, die hierher ziehen, um zu arbeiten und zu leben. Man kommt in Istanbul gut mit Englisch zurecht, sagen viele. Alle wichtigen Stiftungen, Institutionen und Länder haben ihre Vertretungen in Istanbul. „Wenn man in diesen Kreisen verkehrt, kommt man sicherlich gut ohne Türkisch klar. Der durchschnittliche Istanbuler Taxifahrer, Verkäufer oder Polizist kann allerdings wenig Englisch“, meint Paulina.
Eine Frage der Einstellung

- Zwei Jahre wird der Pariser Banker zunächst in Istanbul bleiben. Verlängerung nicht ausgeschlossen.
Thibaut Alquier (24) ist Banker aus Paris und hat das Angebot, nach Istanbul zu gehen, als Herausforderung gesehen. Er wird für zwei Jahre hier sein, vielleicht länger. Thibaut findet, dass hier alle viel enthusiastischer und positiver an die Arbeit gehen : „Gerade im Bankensektor sind die Herausforderungen in Europa sehr negativ. Die Menschen in Istanbul glauben hingegen noch an ihre Zukunft und alles ist viel mehr in Bewegung“, sagt der Franzose.
Auch Nicolas bemängelt, dass es in Europa keine gemeinsame gesellschaftliche Vision mehr gäbe, kein Projekt des sozialen Miteinanders : „Es fehlt uns ein bisschen Verrücktheit, um voran zu kommen.“ In der Türkei spüre man den Stolz in der Gesellschaft, wirtschaftlich immer besser zu werden und sich einen wichtigen Platz in der Region zu sichern. Hier sei man noch mitten im Aufschwung. Dadurch hätten allerdings Begriffe wie Antiglobalisierung oder Ökologie hier noch keinen Einzug gefunden, und der Aufschwung sei noch viel zu ungleich verteilt im Land. Das liege, so Paulina, aber auch an der Einstellung : „Manche arbeiten wirklich hart und andere arbeiten gar nicht.“
Istanbul – Traum oder Wirklichkeit ?

- Istanbul hat für den Englischlehrer viel Charme eingebüßt.
Jay Cenk Tuere (35) ist Doktor der Philosophie aus Oxford und arbeitet in Istanbul als Englischlehrer. Nachdem er an einer Uni in Griechenland drei Monate lang kein Gehalt bekommen hat, ist er nach Istanbul gezogen. Erfahrungen mit der Stadt hat er schon aus den 90er Jahren, als er hier mit seiner Mutter für drei Jahre gelebt hat. Jetzt möchte Jay so schnell wie möglich wieder weg. Das Istanbul von heute sei nicht mehr das Istanbul von früher. Die Gehälter seien schlecht und die Mieten teuer : „Früher war Istanbul sehr einmalig, die Stadt hatte diesen gewissen Charme : kleine Fischrestaurants am Bosporus, wo man Raki und frischen Fisch genießen konnte.“ Das seien dreckige, aber authentische Orte gewesen. Heute sei alles so sauber und hygienisch, touristisch und voll, teuer und künstlich. Auch die anderen Städte der Türkei seien auf dem gleichen Weg. Das sei ein gutes Make-up für das Land, aber eben nur ein oberflächliches.
Nicolas hingegen findet, dass die touristischen Klischees in Istanbul noch heute weiter leben : „Was man sich vorher vorgestellt hat, bekommt man auch wirklich noch zu sehen.“ Paulina hat sich Istanbul als sehr kulturelle Stadt vorgestellt ; ein Bild, das sich bestätigt hat. Der Alltag lasse einen nur manchmal vergessen, was man hier alles machen kann.
Istanbul – kurzes Abenteuer oder langfristige Heimat ?
Nicolas ist fest davon überzeugt, dass jeder Fremde, der nach Istanbul kommt und nicht zumindest zu Beginn das Exotische fühlt, lügt : „Nach einiger Zeit merkt man allerdings, dass Istanbul zum sehr, sehr Nahen Osten gehört und wenn man sich ein bisschen daran gewöhnt hat, merkt man, dass Istanbul gar nicht so anders ist.“ Und dann sei es vielleicht doch Zeit, weiterzuziehen. Wenn man von zu Hause weggeht, sei man gezwungen, erfinderisch zu sein und seine eigenen Ressourcen zu finden. Das gehe in Istanbul besonders gut. Aber auch an diesen Ort könne man sich gewöhnen. Ausschließen möchte Nicolas dennoch nicht, dass er für immer hier bleibt : „Vielleicht wegen eines tollen Jobs, oder wegen einer tollen Frau.“
Paulina möchte mit ihrer großen Liebe ein Kitesurf-Hotel im Süden der Türkei aufmachen. Extremsportarten würden immer beliebter in der Türkei. Sie möchte das Land zu ihrer Heimat machen, Istanbul ist ihr aber auf Dauer zu anstrengend. Mit dem Verkehr halte man es nicht lange aus.
Istanbul ist der große Traum für viele junge Europäer, „das neue New York“. Ein Traum von Abenteuer und von Herausforderung und dem Exotischen. Aber auch von besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt, von Wirtschaftswachstum, dynamischem gesellschaftlichen Miteinander. Ähnlich wie bei den ersten türkischen Gastarbeitern vor 50 Jahren kommen die Probleme jedoch auf, wenn es um eine langfristige Integration geht. Es ist vielleicht aber auch gar nicht schlecht, wenn die jungen Europäer, die in der Türkei gelebt haben, zurück nach Europa gehen und dort kundtun, was Thibaut festgestellt hat : „Wenn man hier ist, merkt man noch einmal, dass wir gar nicht so unterschiedlich sind. Eigentlich gibt es keinen Grund, nicht gemeinsam der EU anzugehören.“
Porträt-Fotos : (c) Isabelle Schaefers/Die Euros


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