Ajouter un commentaire

Wie die Türkei zum Gastland für junge Europäer wurde

Recommander cet article

Am 30. Oktober 1961 wurde das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei abgeschlossen. Seitdem hat Deutschland sich zum klassischen Einwanderungsland entwickelt – erst für türkischen Gastarbeiter, dann für die nächsten Generationen und die zugezogenen Familien. Seit einigen Jahren jedoch wendet sich das Blatt : Die Türkei ist nun selbst zu einem beliebten Gastland geworden, wie die Geschichten von vier jungen Europäern zeigen.


Istanbul ist kreativ

Nicolas Brodard
Für’s erste ist der Schweizer in Istanbul gestrandet - ein toller Job oder eine tolle Frau könnten ihn zum Bleiben überreden.

Eigentlich wollte er an der Schwarzmeerküste entlang reisen, für ein Fotoprojekt. Aber irgendwie ist er aus Istanbul nicht mehr weggekommen. Nicolas Brodard (26) ist Fotograf, kommt aus der Schweiz und lebt schon länger in Istanbul – allerdings immer wieder mit kleineren Unterbrechungen. Für ihn bietet die Stadt nicht nur eine Vielzahl an Perspektiven und Themen für seine Arbeit, sondern auch „ständige Herausforderungen im Alltag die dazu führen, dass man nicht faul wird.“

Nicolas ist nur einer von vielen hier. Nicht nur immer mehr junge Menschen mit türkischen Wurzeln gehen in die Türkei, um hier von der boomenden Wirtschaft, aber auch dem boomenden kulturellen Leben zu profitieren, sondern ebenso viele junge Europäer ohne türkische Vorfahren schließen sich an. Die Türkei ist heute vielmehr ein beliebtes Gastland für gut ausgebildete Westeuropäer als ein Auswanderungsland.

Istanbul ist gesellig

Paulina Peltola
Die Schwedin träumt von einem Kitesurf-Hotel im Süden der Türkei.

Paulina Peltola (25) ist wegen der Liebe nach Istanbul gekommen. Die Schwedin hatte Istanbul aber immer schon als mögliche Wahlheimat ins Auge gefasst. Die Türkei bietet ihr gute Möglichkeiten, im Sommer als Kitesurflehrerin und im Winter als Skilehrerin zu arbeiten. Paulina ist erst seit Mai in Istanbul und versucht, ihr Leben hier ganz langsam zu starten. Dazu gehört zunächst einmal, die Sprache zu lernen.

Türkisch zu lernen ist nicht für alle selbstverständlich, die hierher ziehen, um zu arbeiten und zu leben. Man kommt in Istanbul gut mit Englisch zurecht, sagen viele. Alle wichtigen Stiftungen, Institutionen und Länder haben ihre Vertretungen in Istanbul. „Wenn man in diesen Kreisen verkehrt, kommt man sicherlich gut ohne Türkisch klar. Der durchschnittliche Istanbuler Taxifahrer, Verkäufer oder Polizist kann allerdings wenig Englisch“, meint Paulina.

Eine Frage der Einstellung

Thibaut Alquier
Zwei Jahre wird der Pariser Banker zunächst in Istanbul bleiben. Verlängerung nicht ausgeschlossen.

Thibaut Alquier (24) ist Banker aus Paris und hat das Angebot, nach Istanbul zu gehen, als Herausforderung gesehen. Er wird für zwei Jahre hier sein, vielleicht länger. Thibaut findet, dass hier alle viel enthusiastischer und positiver an die Arbeit gehen : „Gerade im Bankensektor sind die Herausforderungen in Europa sehr negativ. Die Menschen in Istanbul glauben hingegen noch an ihre Zukunft und alles ist viel mehr in Bewegung“, sagt der Franzose.

Auch Nicolas bemängelt, dass es in Europa keine gemeinsame gesellschaftliche Vision mehr gäbe, kein Projekt des sozialen Miteinanders : „Es fehlt uns ein bisschen Verrücktheit, um voran zu kommen.“ In der Türkei spüre man den Stolz in der Gesellschaft, wirtschaftlich immer besser zu werden und sich einen wichtigen Platz in der Region zu sichern. Hier sei man noch mitten im Aufschwung. Dadurch hätten allerdings Begriffe wie Antiglobalisierung oder Ökologie hier noch keinen Einzug gefunden, und der Aufschwung sei noch viel zu ungleich verteilt im Land. Das liege, so Paulina, aber auch an der Einstellung : „Manche arbeiten wirklich hart und andere arbeiten gar nicht.“

Istanbul – Traum oder Wirklichkeit ?

Jay Cenk Tuere
Istanbul hat für den Englischlehrer viel Charme eingebüßt.

Jay Cenk Tuere (35) ist Doktor der Philosophie aus Oxford und arbeitet in Istanbul als Englischlehrer. Nachdem er an einer Uni in Griechenland drei Monate lang kein Gehalt bekommen hat, ist er nach Istanbul gezogen. Erfahrungen mit der Stadt hat er schon aus den 90er Jahren, als er hier mit seiner Mutter für drei Jahre gelebt hat. Jetzt möchte Jay so schnell wie möglich wieder weg. Das Istanbul von heute sei nicht mehr das Istanbul von früher. Die Gehälter seien schlecht und die Mieten teuer : „Früher war Istanbul sehr einmalig, die Stadt hatte diesen gewissen Charme : kleine Fischrestaurants am Bosporus, wo man Raki und frischen Fisch genießen konnte.“ Das seien dreckige, aber authentische Orte gewesen. Heute sei alles so sauber und hygienisch, touristisch und voll, teuer und künstlich. Auch die anderen Städte der Türkei seien auf dem gleichen Weg. Das sei ein gutes Make-up für das Land, aber eben nur ein oberflächliches.

Nicolas hingegen findet, dass die touristischen Klischees in Istanbul noch heute weiter leben : „Was man sich vorher vorgestellt hat, bekommt man auch wirklich noch zu sehen.“ Paulina hat sich Istanbul als sehr kulturelle Stadt vorgestellt ; ein Bild, das sich bestätigt hat. Der Alltag lasse einen nur manchmal vergessen, was man hier alles machen kann.

Istanbul – kurzes Abenteuer oder langfristige Heimat ?

Nicolas ist fest davon überzeugt, dass jeder Fremde, der nach Istanbul kommt und nicht zumindest zu Beginn das Exotische fühlt, lügt : „Nach einiger Zeit merkt man allerdings, dass Istanbul zum sehr, sehr Nahen Osten gehört und wenn man sich ein bisschen daran gewöhnt hat, merkt man, dass Istanbul gar nicht so anders ist.“ Und dann sei es vielleicht doch Zeit, weiterzuziehen. Wenn man von zu Hause weggeht, sei man gezwungen, erfinderisch zu sein und seine eigenen Ressourcen zu finden. Das gehe in Istanbul besonders gut. Aber auch an diesen Ort könne man sich gewöhnen. Ausschließen möchte Nicolas dennoch nicht, dass er für immer hier bleibt : „Vielleicht wegen eines tollen Jobs, oder wegen einer tollen Frau.“

Paulina möchte mit ihrer großen Liebe ein Kitesurf-Hotel im Süden der Türkei aufmachen. Extremsportarten würden immer beliebter in der Türkei. Sie möchte das Land zu ihrer Heimat machen, Istanbul ist ihr aber auf Dauer zu anstrengend. Mit dem Verkehr halte man es nicht lange aus.

Istanbul ist der große Traum für viele junge Europäer, „das neue New York“. Ein Traum von Abenteuer und von Herausforderung und dem Exotischen. Aber auch von besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt, von Wirtschaftswachstum, dynamischem gesellschaftlichen Miteinander. Ähnlich wie bei den ersten türkischen Gastarbeitern vor 50 Jahren kommen die Probleme jedoch auf, wenn es um eine langfristige Integration geht. Es ist vielleicht aber auch gar nicht schlecht, wenn die jungen Europäer, die in der Türkei gelebt haben, zurück nach Europa gehen und dort kundtun, was Thibaut festgestellt hat : „Wenn man hier ist, merkt man noch einmal, dass wir gar nicht so unterschiedlich sind. Eigentlich gibt es keinen Grund, nicht gemeinsam der EU anzugehören.“

Porträt-Fotos : (c) Isabelle Schaefers/Die Euros


Recommander cet article
reagir   Imprimer   envoyer par mail   Auteurs
Aucun commentaire
ds Ajouter un commentaire
50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen
„Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen“ stellte schon der Schweizer Schriftsteller Max Frisch fest.
Was passiert in Sachen Integration auf regionaler Ebene? Besuch in der Ruhrgebietsstadt Herne, die einen hohen Bevölkerungsanteil an Bürgerinnen (...)
Türkei
26 Buchstaben, die das politische und gesellschaftliche Geschehen in der Türkei erklären - die innenpolitischen Verhältnisse und die Beziehungen zu (...)
Wie sah damals die Reise der Gastarbeiter nach Deutschland aus? Dass die mediale Aufarbeitung dieser Themen der Realität nicht immer gerecht wird, (...)

Auteurs

Isabelle SCHAEFERS

Diplômée d’une double filière franco-allemande en sciences politiques et après avoir fait son master en Political Strategy and Communication à l’université de Kent à Bruxelles, Isabelle travaille actuellement à Istanbul comme pigiste. Auparavant, elle a (...)
Letzter Kommentar

Personnalité devouvre votre website tres passionnant. espere qui moi regagner l’envis afin de decouvrir revue. casino bonus gratuit sans depot

Hazel über „Sei neugierig wie ein Affe, wenn du (...) | 18. Mai 2012, 13:22 (1)

jouer casino en ligne devouvre le site internet en verite bien fini. Nous-même projete dont moi-même regagner quand plus de temps pour decouvrir revue.

Mary über Spill-over statt Game Over | 15. Mai 2012, 17:16 (1)

excellent portail, à la fois riche en renseignements et parfait. Je vous encourage de rediger toujours Pareil. de tout coeur. parier sur internet bwin

Teri über Europa erklärt (5/7): Wo sind die (...) | 7. Mai 2012, 18:20 (3)

Das alles ist aber das Werbelayer der Kommission. Man mag sich fragen, ob eine Mitwirkung der Kommission an der Meinungsbildung des Volkes überhaupt statthaft ist. Dieses Video war deshalb gut, (...)

Rebentisch über Offener Brief der Redakteure von (...) | 6. Mai 2012, 11:47 (1)

Die Geschichte eines Staates Palästina ist viel früher anzusetzen als bei der Resolution der VN von 1947: Bereits der Völkerbund hatte die vorher von den Briten versprochene Entlassung der Araber in (...)

Donatus über „Die Geschichte wiederholt sich (...) | 21. Januar 2012, 16:42 (1)

Frisch gezwitschert
Facebook

Neues Jahr, neue Vorsätze. Was steht auf deiner Liste? Wie wäre es mit ein wenig Engagement für ein junges, europäisches Projekt: Die Euros sind stets auf der Suche nach motivierten jungen Leuten, für die ‘Europa’ nicht nur ein abstrakter Begriff ist.

… als Autor/in

„Brüssel hat entschieden“, „die EU konnte sich nicht einigen“, „EU-Beamte verschwenden Steuergelder“... Wenn’s dir bei diesen Schlagzeilen in den Fingern kribbelt, Europa mal so richtig hinterleuchten, die Vorurteile zu verstehen und mit kritischen Blick aufzuarbeiten - und zwar so, dass es auch deine Freunde verstehen... Dann bewirb dich als ehrenamtlicher Autor bei den Euros!

Was muss ein/e Autor/in der Euros mitbringen?

-  Interesse und Ideen zu europäischen Themen - ob politisch, wirtschaftlich, historisch oder kulturell - und den Anreiz, diese Themen für ein breites Publikum mit Feinsinn und Kreativität aufzuarbeiten
-  Einen sicheren und verständlichen Schreibstil
-  Einen europäischen Traum

Was bieten dir die Euros?

Wir sind die einzige Webseite im deutschen Netz, die die EU kritisch, aber mit einem dynamischen und pädagogischen Anspruch angeht. Es erwarten dich ein multikulturelles und kreatives Team mit jahrelanger journalistischer Erfahrung aus allen Ecken Europas, eine Plattform für deine Ideen mit einer europaweiten Leserschaft, ehrliches Feedback, sowie Kontakte und Recherchehilfen direkt aus Brüssel.

… als Multimedia-Redakteur/in

Nicht umsonst sind wir ein Online-Magazin : ‘Online’, das bedeutet neue Möglichkeiten und neue Potentiale. Du bist im Bereich Radio-Journalismus tätig? Du weißt, wie man europäische Themen mit diesem Medium an den Mann und die Frau bringt? Dann werde Multimedia-Redakteur/in bei den Euros. Unser Ziel ist es, regelmäßig interessante und kurzweilige Podcasts anzubieten, die speziell für die Euros produziert wurden. 2012 startet unsere Podcast-Projekt ‘Welcome to the jungle’ – Thema ist der Brüsseler Demokratie-Dschungel und (unsinnige) EU-Direktiven. Um das Projekt weiter auszubauen brauchen wir dich!

… als Blogger/in

Du bist dynamisch, schreibst gerne und hast deine eigene Meinung zu europäischen Ereignissen – und die teilst du lieber durch kleine, regelmäßige Beiträge mit als in langen Analysen? Dann ist ein Eurosblog vielleicht das richtige für dich. Wir suchen junge Menschen aus ganz Europa, die etwas zu sagen und Lust haben, unser Netzwerk zu erweitern.

Was muss ein/e Blogger/in mitbringen ?

-  Dynamismus: Die Welt der Blogs ist schnelllebiger als unser Magazin; Blogger/innen können besser auf aktuelle Ereignisse reagieren.
-  Einen sicheren und verständlichen Schreibstil.
-  Eigenständigkeit: Anders als bei unseren Autoren können wir nicht jeden Blog-Artikel gegenlesen (obwohl wir die Blogs natürlich generell im Auge behalten). Souveränität im Umgang mit Themen, Sprache und technischen Gegebenheiten ist also notwendig.
-  Interesse an europäischen Ereignissen und an europäischer Politik.
-  Das gewisse Etwas: Wir suchen Blogger/innen, die wirklich Interessantes zu berichten haben. Ein Erasmus-Jahr in Spanien? Eine Anstellung in Brüssel? Eine Rundreise durch Europa? Als aktives Mitglied eines phänomenalen Projekts? Euch brauchen wir! Insbesondere Blogger/innen in europäischen Hauptstädten und den Regierungssitzen der EU (Brüssel, Straßburg, Luxemburg) sind willkommen.
-  Vor allem: Kreativität ! Europa ist dynamisch, Europa ist spannend. Und das gilt es, unseren Lesern zu zeigen.

… als Übersetzer/in

Sprachen sind deine Spezialität und du möchtest helfen, das babylonische Sprachgewirr zumindest ein wenig zu entzerren und unser Projekt voranzubringen? Dann werde Übersetzer/in bei den Euros! Mittlerweile gibt es fünf Sprachversionen, sodass du unter Italienisch, Französisch, Spanisch und Englisch wählen kannst. Jede Woche werden neue Artikel veröffentlicht – es gibt also (fast) immer was zu tun. Du kannst eigene Übersetzungsvorschläge machen, aber im Allgemeinen senden wir auch regelmäßig Vorschläge an alle Übersetzer/innen.

Professionnelle Übersetzer/innen sind ebenso willkommen wie Sprach-Fans, die eine der genannten Sprachen sehr gut beherrschen.

… als ‘Experte’

Für unsere Rubrik ‘Policy papers’ (‘Themenbögen’) suchen wir immer nach Beiträgen. Du hast eine spannende Hausarbeit über ein Europa-relevantes Thema geschrieben, hast dich eingelesen und bist zum ‘Experten’ geworden – und außer dir und deinem Prof hat die Arbeit wahrscheinlich keiner gelesen ? Bei den Euros hast du die Möglichkeit, solche Arbeiten als Policy paper zu veröffentlichen. Teile dein Wissen mit anderen Europäern und Europäerinnen!

Bewerbungen per Mail an unsere Chefredakteurin Julia : julia.korbik@die-euros.eu.

… als Mitglied der Community

Werde Teil unserer paneuropäischen Debatte! Wie das geht? Ganz einfach: Kommentiere unsere Artikel! Deine Meinung ist uns und unseren Autoren und Autorinnen wichtig. Bring dich ein, teile uns mit, was du denkst.

Öffne dich für Europa! Wir freuen uns auf dich.

Aktiv werden bei den Euros…

Politik
Wirtschaft
Gesellschaft & Medien
Nachhaltige Entwicklung
Innenpolitik
Außenpolitik
Institutionen & Brüssel
Deutschland
EU 27
Das andere Europa
Welt
© Groupe Euros du Village 2010 | Mentions légales | Webseite erstellt mit SPIP | Réalisation technique et design : Media Animation & Euros du Village France